
junge Welt Titel 20.04.1999 Nach NATO-Bomben Giftwolken über JugoslawienAngriffe auf Chemieanlagen. Bald auch Atomreaktoren im Visier?![]() »Mit Angriffen der NATO auf Ölraffinerien und die Ammoniak- und Stickstoffproduktion in Düngemittelfabriken hat eine Eskalation des Krieges stattgefunden, vor der Leute lange gewarnt haben, die bislang stets als faule Pazifisten beschimpft wurden«, sagt Dr. Jens-Peter Steffen, Sprecher der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), gegenüber jW. Nun würden gezielt Kriegsfolgen erzeugt, die nichts mehr mit dem einst propagierten Krieg der chirurgischen Schläge zu tun haben. Diese Angriffe machten deutlich, daß es in diesem Krieg nicht um Flüchtlinge, sondern um weltstrategische Fragen gehe, um den Ausbau der Hegemonie des einzigen Weltpolizisten USA. »Schließlich werden hier Fabriken und Anlagen zerstört, die für den Wiederaufbau in Jugoslawien dringend gebraucht werden«, sagt Steffen. Da die Eskalationsspirale sich ungebremst drehe, könnten nun selbst Atomanlagen ins Fadenkreuz geraten. »Es gibt einen Forschungsreaktor in Zagreb, das Atomkraftwerk Kozloduy in Bulgarien liegt 200 Kilometer von der jugoslawischen Grenze, und das AKW Paks im NATO-Staat Ungarn ist 400 Kilometer entfernt«, so Steffen. Währenddessen macht beißender Rauch das Atmen in Pancevo zur Qual. Das städtische Informationsamt hat den Bürgern der Stadt rund 15 Kilometer nordöstlich von Belgrad geraten, ihre Wohnungen nur mit einer Gasmaske zu verlassen oder Augen und Atemwege mit einem in Bikarbonat getränkten Tuch zu schützen, berichtete AFP nach dem Bombenangriff der NATO. Die neuen Angriffe am Sonntag auf die petrochemische Industrieanlage Petrohemija haben Ammoniak und andere, zum Teil hochtoxische Produkte freigesetzt. Das Feuer war am Montag zwar unter Kontrolle, aber eine giftige Wolke zog in den vergangenen Tagen nach Westen Richtung Kroatien. Der Regen wusch Teile davon auch in die Donau, die die gefährliche Fracht weiter in andere Länder transportierte. Jugoslawische Experten warnen vor einer Umweltverschmutzung, deren Folgen nicht abzusehen seien. Die freigesetzten Chemikalien könnten Genveränderungen und Krebserkrankungen auslösen. Ammoniak, einer der wichtigsten Grundstoffe zur Düngemittelherstellung, ist in der Tat äußerst giftig. Nicht umsonst gelten allein für dessen Produktion und Lagerung höchste Sicherheitsstandards. Nach Auskunft eines ehemals leitenden Ingenieurs der DDR-Düngemittelindustrie gegenüber jW, werden für die Produktion in einer Werkanlage Mengen von etwa 10 000 Tonnen Ammoniak gelagert. Meist unter Druck und tiefen Temperaturen. Bei einem Bombentreffer kann die Chemikalie entweder entweichen oder zu hochgiftigen Stickoxiden verbrennen. In jedem Fall wären die Auswirkungen für die Bevölkerung und die Umwelt katastrophal. Riesige Rauchsäulen wanden sich noch am Sonntag abend in den Himmel von Pancevo, wie jW-Korrespondent Rüdiger Göbel berichtete. Der Arzt und Toxikologe Slobodan Tosovic sprach Klartext: »Die, die uns bombardieren, sind verrückt; sie wissen sehr gut über diese Risiken Bescheid«. Giftgaskatastrophen und Zerstörung der Umwelt gehören damit in Jugoslawien zum Bestandteil der NATO-Kriegsführung. (jW) junge Welt Ausland 20.04.1999
Beißender Qualm hüllt Pancevo einDie NATO-Bomber zerstörten Düngemittelfabrik. Jugoslawische Armee auf Eskalation vorbereitet»Selbst der Himmel schreit über dieses Verbrechen«, schloß Dragoljub Vjelovic am Sonntag nachmittag die Presseversammlung im Konferenzzimmer der Düngemittelfabrik Asoterra in Pancevo. Draußen hatte es gerade einen gewaltigen Donnerschlag gegeben, dichte Regenwolken entluden sich über der noch brennenden Industrieanlage. Von weitem schon war dunkler Rauch über Pancevo zu sehen. Schwer wie Blei schienen die giftigen Wolkenballen über der Donau und dem Frühlingsgrün zu stehen. In der Nacht zuvor hatte die NATO mit mehreren Raketen die Ölraffinerie, eine petro-chemische Industrieanlagen und die Düngemittelfabrik in Pancevo, eine halbe Stunde Autofahrt von Belgrad entfernt, angegriffen. Ein voller Treffer. Während die NATO wieder einmal stolz Luftbilder präsentieren kann, zeigt sich am Boden die ganze Verheerung des Lenkwaffenkrieges. Beißender Geruch bahnt sich bei der Besichtigung der zerstörten Anlage in die Atemwege und reizt die Schleimhäute. Die Zerstörung ist gewaltig, die Asoterra-Fabrik wurde komplett außer Betrieb gebombt. Noch 16 Stunden nach dem Angriff lodern Flammen gen Himmel. Giftige Dämpfe strömen aus geborstenen Leitungen, in einem der Metallkessel klafft ein großes Loch. Das Wellblechdach einer Fabrikhalle wurde abgedeckt als sei es aus Pappe, Glasscheiben sind zerborsten. Und im Hintergrund, gleich nebenan, noch immer die schweren Rauchwolken der ebenfalls bombardierten Ölraffinerie. 37 Jahre lang wurden in den Werken Düngemittel für die Landwirtschaft produziert, erklärt Asoterra-Direktor Miralem Dzindo den Vertretern der internationalen Pressse. Mit drei Angriffswellen in zwei Tagen sei die Anlage am Sonntag produktionsunfähig geschossen worden. Da die NATO während der rund vierwöchigen Angriffe auch andere Düngemittelfabriken im Land bombardiert hatte, sei die Versorgung der jugoslawischen Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln mittelfristig gefährdet. »Niemand in Pancevo hatte sich vorstellen können, daß die NATO diese Anlagen angreift«, sagte Dzindo. Sie sei rein ziviler Natur gewesen und habe mit dem Militär nichts zu tun gehabt. »Nein, zu keinem Zeitpunkt sind hier Komponenten für chemische Waffen produziert worden«, entgegnete Dzindo auf die Frage eines Journalisten. Nicht auszumalen, was passiert wäre, hätten sich zum Zeitpunkt des NATO-Bombardements die 20.000 Tonnen Ammoniak noch in den Lagern befunden, die vor kurzem erst aus Sicherheitsgründen ausgelagert wurden. In Friedenszeiten zwar keine große Menge, im Krieg aber eine gewaltige Bedrohung, bei einem Treffer gar eine Katastrophe für die Menschen in der Umgebung sowie für die Umwelt, gibt der Belgrader Toxikologe Slobodan Tosovic zu bedenken. So seien bei dem nächtlichen Angriff nur kleine Mengen giftiger Stoffe freigesetzt worden. Nicht tödlich, aber doch krebserregend. Tosovic ist aufgebracht. »Zum Glück hatten wir in den vergangenen Stunden den Wind auf unserer Seite. Niemand kann sagen, wie viele Verletzte wir haben würden, wären die giftigen Gase und der Rauch nach Pancevo oder gar nach Belgrad gezogen.« So wurden die Wolken in unbewohnte Gebiete getrieben. Es sei ein Wahnsinn, vor allem aber ein Verbrechen, daß die NATO solche Ziele angreife, so Tosovic. Die Angriffe auf chemische Anlagen und Ölraffinerien seien auch eine Gefahr für die Nachbarstaaten sowie für ganz Europa, ergänzt Dragoljub Vjelovic, Sprecher des serbischen Umweltministeriums. Das freigesetzte Gift dringe in den Boden und gelange in den Wasserkreislauf. Ein Großteil der bombardierten Industrien liege an der Donau, so daß Giftstoffe bis ins Schwarze Meer gelangen würden. Die europäische Umweltschutzbewegung sollte sich also angesprochen fühlen. Durch die Zerstörung der Donaubrücken in Novi Sad sei zudem die gesamte Schiffahrt auf diesem europäischen Fluß zum Erliegen gekommen. Auf lange Zeit. Neben dem Verbrechen des Angriffskrieges habe die NATO damit gegen bestehende Konventionen bezüglich des Donauverkehrs verstoßen. Während man in Pancevo die zivilen Zerstörungen der NATO- Angriffe anprangert, gibt sich die Militärführung im Kosovo kampfbereit und siegesgewiß. Die jugoslawische Armee habe es geschafft, erklärte Nebojsa Pavkovic, Generalstabschef der 3. Armee am Sonntag, ihr Material, technische wie militärische Ausrüstung, in Kosovo und Metohien zu sichern, während die NATO mehrere Verluste habe hinnehmen müssen. Alleine die 3. Armee habe 16 Kampfflugzeuge, fünf Helikopter, 46 Cruise Missiles und vier Drohnen abgeschossen, so Pavkovic. Zudem hätten die NATO-Angriffe dazu geführt, daß Bevölkerung und Armee praktisch eins geworden seien, bereit, ihr Land zu verteidigen. Während die NATO in Albanien und Mazedonien neue albanische Kampfverbände aufbaue und sie nach Jugoslawien einzuschleusen versuche, stünden im Kosovo mittlerweile 150 000 Mann zur Verteidigung unter Waffen. Man sei also vorbereitet, einer Bodeninvasion der Allianz zu begegnen. »Die Aggressoren werden einen hohen Preis zahlen müssen, sollten sie versuchen, in unser Land einzudringen«, so Pavkovic. »Wir sind die Armee aller Nationen und ethnischen Gemeinschaften, die in Kosovo und Metohien leben. Dementsprechend verhalten wir uns dort auch«, schloß Pavkovic seine Erklärung. Auch er ließ keinen Zweifel: Eine Lösung des Konfliktes in der südserbischen Provinz ist durch politische Verhandlungen mit Vertretern der Kosovo-Albaner möglich. Voraussetzung dafür ist allerdings ein Ende des NATO- Krieges gegen Jugoslawien. Rüdiger Göbel, Pancevo erwartete Umweltschäden durch die Bombardierungen KOSOVO: NATO-Einsatz radioaktiver Waffen? DU - Atomkrieg niedriger Intensität Was wird nach den Bombenangriffen Belgrad ist nicht das Böse |