
Tekkno-cooking
DJ Westbam bei Alfred Biolek
Biolek:
Westbam, meine Damen und Herren! Ein ungewöhnlicher Name für einen ungewöhnlichen
Menschen. Ein Künstlername, wie ich vermute, Herr Westbam?
WESTBAM:
Künstlername, genau. Wie Biolek. Westlek, Biobam, Bambi, Lekbam, Bambissimo, Westfred Biobam:
alles Künstlernamen.
Biolek:
Ich heiße wirklich Biolek!
WESTBAM:
Ah. Sorry. Cool. Cooler Name, Biolek. Echt cool. Kickt x-trem! Kommt so, ja, cool einfach. Ehrlich.
Und der Alfred ist auch echt?
Biolek:
Ja, ja, auch echt. (feierlich) Mein Name ist Biolek, Alfred
Biolek.
WESTBAM:
With a licence to cook! Cool: Alfred. Nee, is' echt geil. Alfred Biolek. DJ Alf!
Biolek:
Ja, gut. DJ Alf. Das können wir vielleicht erst mal so stehen lassen. - Herr Westbam, gestern
Islamabad, morgen Beirut: Sie sind ein Mann, der Freude verbreitet, gute Stimmung und Partylaune
überall. Beschreiben Sie doch mal kurz Ihre Arbeit.
WESTBAM:
Ich lege Schallplatten auf und manipuliere sie.
Biolek:
Sehr schön. Dann lassen Sie uns mal gleich rüber zu den Töpfen gehen. Westbam,
lassen Sie uns heute Abend Töpfe manipulieren.
WESTBAM:
Ja, gehen wir an die Kochpulte! Woaahh, das Teil! Die 5-Inch-Pfanne mit Sandwichboden und
Silverstonebeschichtung. Endstufengeil!
Biolek:
Was haben Sie denn da in dem Alukoffer?
WESTBAM:
Ich bringe immer meine Messer mit!
Biolek:
Das hätte ich nie gedacht. Sie sind der erste, der in meiner Sendung seine eigenen Messer
mitbringt. Zeigen Sie mal. Da sind ja lauter Platten drin!
WESTBAM:
Scheiße, das ist mein Platten- und nicht mein Messerkoffer! Kacke, voll die Verpeilung. Naja,
immer noch besser, als morgen in Banja Luka einen Satz Messer auflegen zu müssen.
Biolek:
Westbam, sagen Sie uns, was Sie heute kochen wollen.
WESTBAM:
Ja, ich habe beschlossen, euch einen Track aus dem Sunshine-Menü zu mixen. Es wird der
Haupttrack, aber ich geb' euch eine Condensed Version. Ich nenne das mal provisorisch
"Lammkeule Tamagotchi". Heute abend haue ich euch die Tamagotchi-Keule raus!
Biolek:
Die Tamagotchi-Keule?
WESTBAM:
Ja, es ist ein Rezept meiner Großmutter, das sie oft auf unseren Weihnachtsraves sozusagen
kochte. Nein, nicht sozusagen, sondern im wahrsten Sinne kochte. Denn Oma war ganz unkompliziert
und anspruchslos. Nix hier so Bio-Müll-Loch und Backofen in Sichthöhe.
Biolek:
(mahnend) Westbaaaaam!
WESTBAM:
Nein, Bibo, nein. Oma kochte nur straighte Sachen mit straighten Zutaten und straighten
Geräten. Du bist cyber mit deinem Mega-Koch-Gig hier vor ein paar hunderttausend Zuschauern.
Biolek:
Haben Sie etwa was gegen Großveranstaltungen?!
WESTBAM:
Nein, nein, natürlich nicht. Aber das hat dann nichts mehr mit Underground zu tun, mit echter
Kitchen-credibility. Oma war Underground, Oma war real, Oma war unsere Homebase und unser Resident
Cook. Feuer an, Pötte drauf, Fette rein, so richtig Öl, Butter, Schmalz und so. Nix
Silverstone und Induktionsfuck. Dann: Zwiebeln rein, Oma heulte ein bißchen, schnuffel,
schnuffel. Von wegen Abzugshaube. Die Kinder schreien, toben, fallen aufs Maul. Die hatten noch
alle diese Kinder früher. Das verbinde ich mit meiner Oma. Kochen in Reinkultur, oberastral.
Real-time-cooking, nix aus der Konserve. Und ich weiß, daß zum Beispiel Großvater
da damals sehr stark drauf abgefahren ist, auf diese klassische Art des Kochens. Und auf Oma
natürlich. Leider hat sie von meinem Großvater dafür nie den Credit bekommen. Den
möchte ich ihr heute geben. Ich habe allerdings ihr Rezept etwas abgewandelt.
Cybermäßig halt. Es wird ein Remix.
Biolek:
Spannend. Und jetzt schneiden Sie Möhren?
WESTBAM:
Ja. Möhren.
Biolek:
Genau. Möhren.
WESTBAM:
Genau. Zum Beispiel Möhren. Hier diese Möhren zum Beispiel: Du mußt diese
Möhren schneiden. Cutten. Der Schnitt ist das Wichtige. Den Cut richtig setzen. Nach drei,
vier Möhren kommst du in eine echte Cut-Wut. Hat dich die Cut-Wut erst mal gepackt, dann gute
Nacht, Möhre! Schau sie dir doch einmal an: diese Möhre ist unfertig! Sie muß
weiterprozessiert werden. Die Möhre ist minimal, aber sobald du sie in einen anderen
Aggregatzustand überführst, gibst du ihr eine völlig neue Dimension.
Biolek:
Ja, Westfalica Bambaataa, dann gib der Möhre jetzt ihre neue Dimension!
WESTBAM:
Ja, ich werde sie jetzt in einen anderen Aggregatzustand überführen. Schnall dich an,
Alf, wir starten die Möhrenauflösung.
Biolek:
(tastend) Ah. Und das hier ist ein Lamm.
WESTBAM:
(freudig) Ja, aber hallo! Da ist ja die Keule.
Biolek:
(feierlich) Das Lamm war schwer, dick ist die Keule.
WESTBAM:
Ja, ein phattes Teil. Special thanks an MC The Butcher. Die Keule ist herrlich. Wird sofort mit
einer Beize aus Waldmeisterbrause, Afri Cola, Red Bull und Caipirinha abgeflavourt. Also featuring:
die Zwiebel! Und Frische dank meiner Kollegin Marusha. Die hat ein Petersilien-Basilikum-Label auf
ihrem Balkon hochgezogen. Als Dessert empfehle ich übrigens immer 'ne Pille mit etwas
ausgelassenem Mäusespeck. Dazu kannst du sehr geil Dr. Mottes Sprudelwasser "Licht und
Liebe" ablitern. Am besten die Mayday-Abfüllung von '95. '95 war ein verdammt guter
Jahrgang. Schau nur, wieviel Licht durch Mottes Wasser strömt! Das Wasser zieht das Licht an
wie das Licht die Motte!
Biolek:
Ja, es strahlt förmlich. Und sieht auch sehr lieb aus.
WESTBAM:
Ja, es ist lieb. Diese Flasche hat das Licht im Innern. Oh Freddy, hörst du jetzt den
Zwiebelsound? Höst du ihn? Voll die Zwiebelparty! Die Zwiebel probt den Kitchen-Riot! Der
Zwiebelsound ist einmalig, Alfredo! Niemand kriegt dieses Zischeln so hin wie DJ Onion. Hör
dir diese Brutzelloops an! Und das Zeug kommt aus der Erde. Das ist die Musik der Tiefe, Bioboy!
Die knackigen Beats der Scholle. Und wenn ich der nur ein bißchen mehr Feuer unter'n Arsch
gebe, springt die Zwiebel, die hottet da voll cool ab. Die ravende Pfanne! Checkit out!
Biolek:
Paß auf mit der Hitze, gib ihnen nicht zu viel Hitze, Westbam!
WESTBAM:
Doch, Fredo! Hör doch, die Zwiebel schreit förmlich nach Hitze. Hörst du denn nicht
ihren Schrei nach Hitze. Heat, heat! Das ist die Techno-Heritage beim Braten. Die Hitze hochfahren!
Du läßt die Zwiebel förmlich tanzen, der geb' ich jetzt 'ne krasse Abfahrt, aber
issimo, Alfredo. Jump, Zwiebel, jump! Und immer wieder dieser Mördersound: Da pellt sich ein
Sound aus dem andern, eine irre Vielschichtigkeit ist das, da häutet sich der Klang zu immer
neuen Klängen. Ich hab's, meinen nächsten Release nenne ich "Soundpeeling". Zu
scheiße, daß man Musik nicht riechen kann. Da ist uns die Zwiebel um einiges voraus.
Biolek:
(lacht) Der Mann hat Ideen! Es ist geradezu erstaunlich,
daß sich ein so hochautomatisierter Mensch wie Sie überhaupt noch mit dem Kochen abgibt.
Das ist wirklich erstaunlich!
WESTBAM:
Irgendwann kommt auch die Stunde der Wahrheit, Biobaataa. Du kannst nicht alles programmieren. Ich
glaube, bei Nietzsche heißt es irgendwo: "Du mußt auch mal 'ne Kiste live
droppen!" Nee, nicht bei Nietzsche, Unsinn, bei Kierkegaard. Alf, das Kochen, das Handwerk ist
meine B-Seite. Wir haben alle unsere B-Seite, Alf!
Biolek:
Das stimmt. Sehen Sie, liebe Zuschauer, so ist das Kochen: keine einfache Dienstleistung, sondern
ein - ja, Westbam, wie würdest du eigentlich das Kochen definieren?
WESTBAM:
Kochen? Kochen ist... Scheiße, da legst du die Nadel in eine wunde Rille, Alf... Kochen ist
Anarchie! Ich glaube, das hat mal der Siebeck irgendwo gesagt. Aber der Siebeck pusht den Ingwer
viel zu hoch. Du mußt dir mal bewußt angucken, wie der den Ingwer hochgepitcht hat. Der
featuret nur noch Ingwer und grünen Pfeffer. Siebeck ist der Ingwer-Faker!
Biolek:
Sie haben recht, Westbam, Sie haben völlig recht, der Siebeck macht nur noch Ingwer-Acts. Der
reizt voll den Ingwer aus. Ich seh das schon kommen: wenn der Ingwer ausgelutscht ist, kommt die
Tamarinde dran. Ich sehe das kommen.
WESTBAM:
Ja, wie sagte noch Ludwig XIV. über Voltaire: Man muß ihn wie eine Orange auspressen und
dann wegwerfen.
Biolek:
Genau. Siebeck, der absolutistische Sonnenkoch. Le wok, c'est moi. Preßt den Ingwer aus und
wirft ihn wok, äh, weg. Gefühlloser Kerl. Andererseits: Ich könnte ihn einladen und
mit ihm um die Wette kochen.
WESTBAM:
Cool, Kampf der Giganten! Der Alf gegen den Wolf. Cook contest. Mach das! Und verbiet dem einfach
seinen Ingwer, dann kocht der Siebeck sich nämlich 'nen Wolf.
(Westbam bläst in eine Trillerpfeife)
Biolek:
Warum pfeifen Sie jetzt, Westbam?
WESTBAM:
Weil ich den Bratensatz ablösche. Das gibt sofort einen neuen, viel weicheren Beat. Mellow
halt. Und wenn der neue Beat reinkommt, wird gepfiffen.
(Westbam rasselt)
Biolek:
Und warum rasseln Sie jetzt, Westbam?
WESTBAM:
Ich hatte dich für etwas gelehriger gehalten, Alf. Ich gieße den Bratensatz ab. Wieder
ein neuer Beat. Und bei wieder neuem Beat wird gerasselt.
Biolek:
Ach so...
(Westbam betätigt ein Nebelhorn)
Biolek:
(sehr gelehrig) Ah, Westbam, noch ein neuer Beat! Und bei noch
einem neuen Beat kommt das Nebelhorn, stimmt's?
WESTBAM:
(streng) Falsch! Das Kartoffelwasser kocht, deswegen das
Nebelhorn! Die klassische Kartoffel-Prozedur eben. Ist das Wasser bei 100 bpm, läßt du
die Knollen 20 Minuten da drin pulsieren, dann samplest du einfach das Wasser ab und fertig das
Kartoffel! Geistesgestörte Knolle!
Biolek:
Das Wasser absamplen?
WESTBAM:
Ja, du samplest das Wasser hier ab, okay.
Biolek:
Du meinst, man gießt das Wasser ab?
WESTBAM:
Ja, absamplen, abgießen, neu aufgießen, alles eins. Kommt cool!
Biolek:
Abgießen, neu aufgießen, alles eins. Hmmm. Kommt cool. Hmmm. (begeistert) Eigentlich aber mal sowieso völligstens coolio,
dein Act hier! Irgendwie krassest, Sucker! Trockener Boost! Du bis' locker
gaumensexmäßig unterwegs! Shitcom, Westbämbel, unser Set is' over, Time out. Fratze
ey, dein Teil kam schleudertraumarough! Richtig motörheadblowing, die Tamagotchi-Haxe! (scratching) !exaH-ihctogamaT! Ffflllssswww! !exaH-ihctogamaT!
Ffflllssswww! !exaH-ihctogamaT! But now, ihr Pattexgehirne da draußen, downtown and
everywhere in the Sendereinzugsgebiet, checken wir in ein anderes Event, ihr Knödelstreamer:
"Sendung mit der Maus", "Musikantenstadl", "Elektrischer Stuhl Live",
whatever. Irgend so ein fraktaler Hirnfick wird's schon sein, no fuckin' check, Babes, hihihi, is'
mir auch Weißwurscht im Natursaitling, aber bißfest, Ihr Freestylelutscher! Und du,
BAMBAATAA, oller Kehlkopfkrebs, kopiers' mir noch 'ne Pille in die RAM! Aber ACID jetzt! Keep the
fire burnin'... Pump up the volume...
(fade out)
Weiterführende Literatur

Alfred Biolek
Meine Rezepte
Alfred Biolek
Die Rezepte meiner Gäste
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Westbam mit Rainald Goetz
Mix, Cuts & Scratches
Merve-Verlag
Rainald Goetz
Rave
Suhrkamp-Verlag
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