Was wäre, wenn – wenn Diana noch lebte?

Ein Gedankenexperiment von Oliver Maria Schmitt

Es gibt Momente im Leben, da möchte man die Uhr, die böse, böse Uhr einfach anhalten und die Zeit ganz fix wieder zurückdrehen. Aber da fängt das Problem ja schon an: wie dreht man eine billige Quarzuhr zurück, die nur ein einziges Knöpfchen hat, mit dem man lediglich die Beleuchtung einschalten kann?

Es gibt andere Momente im Leben, da fragt man sich: Was wäre, wenn Lady Diana Spencer nicht gestorben wäre? Wenn ein allmächtiger Gott am 31. August 1997 rechtzeitig das kleine Rädchen an seiner himmlischen Quarzuhr gefunden hätte, um das große Rad der Zeit zurückzudrehen? Kurz bevor nämlich in einem Straßentunnel in der Hauptstadt der Pariser nicht nur mit einem mächtigen “Pardauz!” drei Leben ausgelöscht wurden, sondern zu allem Übel auch noch ein hochwertiges Auto kaputtging?

So viel Gutes hat die Prinzessin von Wales uns allen getan, als sie noch zwischen uns weilte, daß einem fast zum Weinen zumut’ ist und einen der tragische Verlust regelrecht wütend und traurig macht, vorausgesetzt, man hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Aber selbst diesen Menschen konnte Lady Di – und das ist wahrlich ein Wunder – post mortem helfen, weil ihr pro memoria auch tatsächlich richtige Tassen hergestellt wurden, die neben dem vielfältigen anderen Ramsch in Form von Diana-Zuckerdosen, Diana-Zinntellern, Diana-Klobürsten und Diana-Autoschlüsselanhängern auch nicht mehr weiter ins Gewicht fallen.

Aber was wäre heuer, wie sähe die Welt heute aus, woran wären wir und wovon zehrten wir, und was wäre gebacken, wenn die fabulöse Prinzessin der Nerzen noch unter uns weilen würde? Wäre dann nicht alles anders, wäre dann nicht eben nicht Matthäi am letzten, die Flinte schon im Korn und die Kacke am Dampfen?

Sie hat doch konkret an allen Ecken und Enden geholfen, wo es nur ging, war überall, wo es brannte, war hic auf einem Sektempfang, den wegen schlechter Schnittchen niemand anders besuchen wollte, et nunc auf einem Ball, obwohl dieser in der Event-Benotung der Fachzeitschrift Bunte nur mit einem von sieben Party-Power-Punkten benotet wurde – darum scherte sich Lady Spencer Diana nie; Ansehen und Status waren ihr egal, Hauptsache, es lief pausenlos Elton John und in den Knabberschälchen lagen ordentlich Salzletten. Das kam in ihrer Welt der strengen Etikette ja fast einer Revolution gleich. Da kann Bismarck mit seinen lächerlichen Sozialreformen nicht gegen anstinken, Ladies and Gentlemen!

Nein, wenn ihr, der royalen Rebellin, der rücksichtslosen Revolutionärin, etwas gegen den Strich ging, dann war ihr kein Opfer zu groß und kein Preis zu heiß. Noch heute spricht die ganze New Yorker 5th Avenue davon, wie die Prinzessin der Sesterzen einmal bei Tiffany’s fuchsteufelswild wurde, weil ihr ein verbrecherischer Verkäufer auf ein Vier-Millionen-Dollar-Collier nicht die üblichen 10% Adelsrabatt einräumen wollte. Kurzerhand kaufte sie den Verkäufer als Leibeigenen auf und ließ ihn noch am selben Tag auf einem selbst angelegten Minenfeld in die Luft jagen.

Aber wo Sie es gerade erwähnen: die Minen waren ihr ja ganz besonders ans Herz gewachsen. Als volle Kanne unerträglich empfand sie es, wenn jemand böse Minen bei einem guten Spiel machte, z.B. Hollland gegen Frankreich 2:3 n.V. Ein solches Minenfeld ließ sie dann ohne mit der Zucker zu wimpern sofort räumen und alle Beteiligten sprengen. Nicht zum Vergnügen natürlich, sondern zur Abschreckung.

Wenn sie noch lebte – die Welt wäre nicht die, die wir jetzt haben. Diana gab den Menschen Glauben, Liebe, Hoffnung, Apfelsaft und Zuversicht. Ganz ohne jeden Zweifel wäre z. B. die englische Nationalmannschaft bei der Fußball-WM nicht schon im Achtelfinale rausgeflogen, sondern erst im Viertel- oder Halbfinale, z.B. gegen Kroatien 1:3 oder was. Mit der so unendlich scheu und verletzlich rehäugelnden Bohnenstange vom Kensington Palace im Stadion wäre Paul “Gazza” Gascoigne gar nicht erst gebannt worden, was sowieso ein Riesenfehler war.

Diana hielt ihre schützende Hand jedoch nicht nur über ein Land, nein: Diana war für alle da. Wirtschaftsexperten rechnen heute noch vor, daß die Asienkrise einen wesentlich anderen, nikkeimäßig günstigeren Verlauf genommen hätte, hätte Diana da noch gelebt. Ja – hätte, hätte, hätte.

Auch hätte das geplagte Hungerland Sudan wohl ein deutlich besseres Schicksal erlitten, als es jetzt der Fall ist. Erstens gäbe es keine Verletzungen durch Landminen mehr, weil Diana das verboten hätte, und zweitens müßte kein einziger Sudanese oder sonstwie Afrikaner Hunger leiden, weil Diana dafür gesorgt hätte, daß Dodi seine Yachten, sein Vater seine Frauen und die Queen alle ihre Schlösser verkauft hätte, damit endlich Schluß sei mit dem sozialen Unrecht auf der Welt, mit den Lügen und Verdrehungen und den ewigen Wiederholungen im Fernsehen. Da war die Di ja auch dagegen!

Ja, sie! Sie ist wie Jesus für uns im Auto gestorben und hat eine Riesenlücke hinterlassen. Nie wieder verwackelte Urlaubsfotos von einsamen Nichtsnutzen auf ihren einsamen Yachten beim Urlauben und Einsamen. Apropos: auch hätte es wohl ein gutes Dutzend weniger Tote gegeben beim Zugunglück von Eschede, wenn Lady Spencer Tracy noch unter uns zu weilen geruht haben möchte, gnä’ Frau!

Und überhaupt: Wenn Diana noch unter uns allen geweilt hätte, dann wären wir alle doch nicht die Opfer und Leidtragenden der unsäglichen Monica-Clinton-Hillary-Bill-Lewinsky-Affaire geworden. Dann hätte doch Bill ganz ohne Zweifel bei der nächstbesten Gelegenheit nicht Lady Lewinsky, sondern Lady Di gepackt und gepudert und ihr die Geheimnisse der unbefleckten Empfängnis zumindest auf Cocktailkleidern erklärt.

In tiefer Sorge und mit vollem Ernst: Uns allen ginge es heute besser. Denn schließlich und letztendlich wäre doch, wenn Diana noch unter uns langweilen würde, auch allen Menschen auf diesem pummeligen blauen Erdenrund das furchtbare Scheißlied “Candle in the Wind” erspart geblieben; und nicht nur das: sondern obendrein auch noch dieser furchtbare Scheißartikel.