
Um das herauszufinden, rotteten sich die sechs
gewaltbereitesten Redakteure und Mitarbeiter von Titanic zusammen, plünderten den
Redaktionsfundus, kauften eine viel zu teure Deutschlandfahne (25,90 Mark!), zwei viel zu teure
Fan-Schals, eine ausgediente Uniform, zwei Fußballtrikots, einen Ball und ein Dutzend
Bierdosen und zogen marodierend durch Frankfurter Museen.
Die Fußball-WM ist längst gelaufen, Deutschland ist Weltmeister! Zumindest was die Leistungen der
deutschen Hooligans anbelangt. Denn der hart erkämpfte Überraschungssieg gegen den
französischen Bereitschaftspolizisten Nivel knüpft nahtlos an frühere deutsche
Triumphe (Battiston, Guernica und Coventry) an. So weit, so gut. Doch was kommt jetzt? Denn die WM
ist, wie gesagt, gelaufen. Was also sollen unsere deutschen Hooligans in der langen Zeit bis zur
nächsten internationalen Auseinandersetzung (EM 2000) eigentlich, ähm, machen? Wie sollen sie die
Zeit totschlagen? Die können doch nicht einfach so ins Museum gehen, wenn ihnen langweilig
ist! Oder etwa doch?
Muß i denn, muß i denn
zum Städele hinein...
Es ist Samstag. Das altehrwürdige Frankfurter Städelsche Kunstinstitut, von seinen Anhängern auch kurz Städel genannt, soll unser erster Anlaufpunkt sein. Schließlich kann es nach vollzogener Teilrenovierung und Wiedereröffnung jeden Besucher brauchen. Davon kündet nicht zuletzt die frankfurtweit plakatierte Unterstützungsparole Ich steh zum Städel!
Wir jedenfalls stehen zunächst einmal vorm Städel, denn eine erste Hürde hat sich aufgetan: der Eintrittspreis von 5 Mark pro Nase. Gibts keinen Gruppentarif? macht Oberhool Sonneborn, der am besten reden kann und deswegen von den andern einhellig zum Sprecher bestimmt worden ist, unserm Unmut Luft. Immerhin grenzen wir uns ja einwandfrei als zusammengehörende Gruppe von den übrigen Museumsbesuchern ab! Denn während wir uns extra fein gemacht haben, haben die anderen ihre Deutschlandtrikots, Jogginghosen und Fußballschuhe zu Hause gelassen und sind in ganz normaler Alltagskleidung erschienen. Aber Pustekuchen: Gruppenermäßigung gibts erst ab 8 Personen. Ihr könnt euch ja noch 2 suchen! bescheidet man uns ebenso knapp wie höhnisch. Also entrichten wir widerwillig den geforderten Obolus.
Doch schon ergibt sich das nächste Problem: Die beiden Damen und ein herbeigeeilter Herr vom Einlaß meinen, die Flagge, das Bier und den Ball könnten wir auf gar keinen Fall mit in die Ausstellungsräume nehmen. Na, das geht ja toll los! Ohne Flagge und ohne Ball! Das sollten die sich mal im Stadion erlauben! Widerwillig reichen wir Pille und Deutschlandfahne übern Tresen. Schließlich hat Rot-Weiß-Essen-Fan Gsella doch noch die rettende Idee: Das mit dem Ball ist mir zu gefährlich. Nachher machen Sie da noch was mit! Gebense mal her, ich tu den mal lieber draußen in Wagen. Die Dame an der Kasse sieht das auch sofort ein wahrscheinlich wollte sie tatsächlich was mit dem Ball machen, z.B. die Luft rauslassen , reicht den Ball zurück übern Tresen, und Gsella trägt ihn nach draußen. Dort wandert er allerdings nicht in den ja sowieso nicht vorhandenen Wagen, sondern in unsere geräumige Thermo-Bierkühltasche, und anschliessend unerkannt und unbehelligt schnurstracks wieder ins Städel hinein. Hehehe!
Jetzt wollen wir aber auch was sehen für unser Geld: Alte Meister zum Beispiel, 14.-18. Jahrhundert, Renaissance, Barock. Rembrandt, Rubens, Botticelli und so! Vermeer und holländischen Landschaftskram. Kurz: Kunst pur! Und natürlich nackte Weiber!
Alles schwarz und viel zu teuer
Doch wir werden enttäuscht: Das erste, was wir sehen, ist ein riesengroßes schwarzes gerahmtes Rechteck, das der Amerikaner Richard Serra vollgemacht hat. Da ganz oben hat er einen weißen Streifen frei gelassen! bemerkt Hool Schiffner sofort mit aufmerksamem Blick, und Gsella folgert: Hat er bestimmt vergessen! Ein komplett schwarz gewandeter Herr, der offenbar zum Bild gehört, belehrt uns: Das hat 300000 Mark gekostet! Oberhool Sonneborn ist entsetzt: Was? Da kriegt man ja schon einen mittelmäßigen Abwehrspieler für!
Und überhaupt: Hier hängen ja gar keine berühmten Kunstbilder! Keine Mona Lisa,
keine Sonnenblumen, keine nackten Frauen. Hilfesuchend wenden wir uns an eine der freundlichen
Damen von der Aufsicht, halten ihr den eigens mitgebrachten van-Gogh-Katalog aus dem Amsterdamer
Rijksmuseum unter die Nase und tippen mit schmutzigen Fingern auf irgendeine der in diesem Band
äußerst zahlreich enthaltenen Reproduktionen aus van Goghs Gesamtwerk:
Wo issen das Bild hier?
Kopfschütteln.
Das haben wir hier nicht.
Wahllos schlagen wir irgendeine andere Seite auf.
Und das da?
Auch nicht.
Und das?
Nein! Aber da oben, da sind die deutschen Meister!
Der ganze Raum voll!
Hurra! Deutsche Meister! Das ist doch im Grunde genau, was wir sehen wollen! Und womit wir uns auskennen! Eilig trappeln wir die halbe Treppe hoch. Wieder nur alte Schinken! Und viel zu dunkel gemalt, man erkennt kaum was! Und überhaupt: Wo ist denn Oberhool Sonneborn auf einmal abgeblieben? He, Martin! brüllen Gsella und Schiffner im Chor, und weil keine Antwort kommt, tröten Sie kräftig in ihre Trillerpfeifen. Eine ältere Besucherin im graugrünen Tweedblazer ist empört: Muß das denn sein, mit dem Krach hier? Mann, wir suchen den Martin. Hast du den vielleicht irgendwo gesehen? ruft es zurück. Statt einer Antwort ernten wir nur Kopfschütteln.
Nicht! Sind Sie verrückt?!
He! Ich hab ihn! brüllt Hool-Braut Gustke aus dem Nebenraum. Und tatsächlich: Da ist der Sonneborn ja. Für ihn war alles ein bißchen viel, er mußte sich kurz mal auf eine Sitzbank legen. Sofort eilen zwei unauffällig in Grau gehaltene Mitarbeiter des Städel-Geheimdienstes herbei: Gehts Ihnen nicht gut? Können wir irgendwie helfen? Neinnein, ich muß nur mal ausruhen. Okay? droht Sonneborn unverhohlen. Okay.
Um ihn zu unterhalten und weil ihm auch langweilig ist, holt Gsella mal eben den Ball raus. Gerade setzt er zu einer Flanke auf Gärtner an, da macht auch schon eine Aufsichtsdame diesen sehenswerten Angriff zunichte: Sind sie wahnsinnig! Geben Sie sofort den Ball her! Den nehme ich in Gewahrsam. Können Sie sich nachher unten abholen! Wir antworten mit einem Pfeifkonzert aus drei Trillern gleichzeitig. Und mit Ihren Trillerpfeifen, das lassen Sie doch mal bitte! Hier, sie greift in ihre Tasche, ich hab nämlich auch eine! Sonneborn zeigt sich sofort interessiert: Darf ich mal sehen? Ohne die Antwort abzuwarten, schnappt er sich das Silberding und bläst hinein. Ein schriller Pfiff ertönt. Genau wie bei unseren Pfeifen. Nicht! Sind Sie verrückt?! Die Aufsichtsdame ist fassungslos. Das ist doch hier das interne Alarmsignal, wenn Gefahr ist! Jetzt schicken die noch Aufpasser los! Ich muß gleich telefonieren, damit keiner kommt! Obwohl, da kommt sowieso keiner, die wissen ja jetzt schon, daß Sie hier auch immer rumpfeifen! Schiffner kombiniert blitzschnell: Ach! Dann können wir ja jetzt ungestört Bilder klauen! Ein müdes Lächeln huscht über das Gesicht der Dame. Ach was. Jetzt ist aber genug. Ich glaube, Sie sind hier nicht richtig. Es gibt noch so viele schöne andere Museen in der Gegend! Gehen Sie doch mal ins Postmuseum. Oder ins Architekturmuseum. Oder...
Schon gut. Wir haben verstanden: Leute wie wir sind hier nicht erwünscht. Wir gehen. Doch zuvor geben wir noch eine Abschiedsvorstellung: Wir versammeln uns auf dem Vorplatz und schwenken ein Bild. Irgendwas im Goldrahmen. Das haben wir zwar für 8 Mark aus der Grabbelkiste gezogen, aber es könnte auch genauso gut im Städel geklaut worden sein. Zumindest wenn man uns fragt. Mit letzter Kraft rufen wir im Chor: Huhu, wir haben euer Bild geklaut! Keine Reaktion. Direktor Beck, dein Bild ist weg! schallt es in Richtung Haupteingang. Doch niemand interessiert sich für die Beutekunst. Eines wissen wir jetzt: junge Hools und alte Meister, das geht nicht zusammen!