SZENE AKTUELL

Modedroge Maggi

Live aus dem Kochstudio berichtet Oliver Maria Schmitt

Maggi-Kochstudio

Hart ist anders. Der überfüllte Mayday-Bunker mit stampfender Technomusik und vollgepumpten Ecstasy-Ravern - naja. Der voll versiffte Rockschuppen mit Metallica-Musik und geplünderten Kondomautomaten - schon eher. Die abgefahrene Hippiedisco mit Spiegeldrehkugel und Dreikanal-Lichtorgel - meinetwegen. Aber das alles ist Kinderkacke gegen die härteste Szene der westlichen Welt: die Maggiszene.

Immer mehr Glücksuchende sind magisch von ihr angezogen. Vor allem gelangweilte und altgewordene Jugendliche sind es, die in dieser Szene drin den letzten, den besten, den allerultimativsten Kick suchen: dicke Hausfrauen, die vom Topf nicht lassen können, ausgemergelte Single-Yuppies, die nicht wissen, wie man Kaffeewasser einfriert. Sie suchen Wärme und Geborgenheit, sind gierig auf das Glückspulver aus der bunten Packung. Sie alle kommen nach Feierabend hierher, in die unwirtliche Frankfurter Innenstadt. Denn dort, in der Neuen Kräme 27, steht das Maggi-Kochstudio.

Türsteher gibt es hier nicht. Statt dessen ragt am Eingang ein merkwürdig verknoteter Löffel in die Luft. Er ist das unverzichtbare Besteck der Maggi-User. Sie haben immer einen Teelöffel dabei, mit dem sie ihren Stoff reinziehen. Der Knoten soll daran erinnern, die tägliche Ration Maggi zu sich zu nehmen. Einige Tropfen aus der szenetypischen Flasche, dann verschwinden Depressionen, Angstzustände, Hühneraugen und eingewachsene Zehennägel wie auf "Knopfdruck". Ganz harte Junkies haben sogar ein ganz hartgekochtes Ei dabei, das sie vor dem Verzehr mit einer doppelten Überdosis Maggi pur beträufeln. Megakick!

Lange hält das Glück der Konsumenten jedoch nicht an. Bei regelmäßigem Mißbrauch entsteht, wie bei allen Rauschgiften, die gefürchtete Toleranz. Ein Löffel Maggi reicht dann nicht mehr. Zwei Löffel müssen her, schließlich drei, dann z.B. vier oder fünf, bald eine ganze Flasche noch vor dem Aufstehen. Die absolut Fertigen lutschen sogar rohe Suppenwürfel und glotzen einen danach aus glasigen Fettaugen an - das sind die praktischen Auswirkungen der Designerdroge Maggi, vor ca. hundert Jahren in der Giftküche eines verrückten Schweizer Wissenschaftlers erfunden. Natriumglutamat, übelriechende Hefeextrakte und der gefährliche Stabilisator E 450 a führen bei den "Hobbyköchen", wie sich die Maggi-User selbst bezeichnen, schlagartig zu Sodbrennen und Völlegefühl. Das Bewußtsein erweitert sich und der Magen auch. Die Nebenwirkungen sind bekannt: Vereinsamung und Übergewicht.

Im Maggi-Kochstudio finden die Junkfood-Raver den Flash gleich tellerweise. Ihr Blick ist starr auf die psychoaktive Substanz gerichtet, die vor ihnen bereit liegt: fertig abgepackte Briefchen mit Hühnerbrühe. Verführerisch glänzt das Stanniolpapier. Natürlich muß der Stoff mit Sellerie, Petersilie, Zwiebeln und ganz viel Wasser gestreckt werden, sonst haut es einen rückwärts aus den Stützstrümpfen. Anbraten, ablöschen, mit Rauschpfeffer, Tollkirsche und Fliegenpilz nachwürzen. Die Hausfrauen ächzen über den dampfenden Fisslertöpfen. Große gelbe Schürzen sind ihr geheimes Erkennungszeichen, mit dem sie sich unter Millionen gegenseitig ausmachen können. "Maggi ist Penicillin für die Seele", keuchen sie und klappern mit den Schneebesen.

Drogenwahnsinn im Quadrat! In der Maggiszene wird ein gesellschaftliches Problem chemisch gelöst. Der Tütensuppenkonsum verhindert, daß die Betroffenen das Ernährungsproblem, das sie belastet, zu erkennen vermögen. Hausfrau Claudia R. (32): "Anfangs habe ich nur mit Wasser gekocht. Dann hat mein Freund mich zum 'Gourmet Suppen-Drink Tomate' eingeladen. Nach und nach bin ich dann in die Szene reingerutscht." Heute gibt die arbeits- und hoffnungslose Szenetussi ihr ganzes Haushaltsgeld bei Supermarktbesuchen aus. Für Brühwürfel, "Soßenbinder Dunkel" und "Flockenpüree komplett".

Allein in Deutschland gibt es schätzungsweise 20 Millionen regelmäßige Maggi-Konsumenten. Ein Päckchen "Riesenappetit-Suppe" in der szeneüblichen 2-Teller-Dosierung kostet schlappe zwei Mark. Ein billiges "Vergnügen". Und das totale Drogenchaos wird noch zunehmen, denn die von Dreisterneköchen geführte Initiative um die kontrollierte Abgabe von Maggi-Produkten ist am Widerstand der Brühwürfelbarone gescheitert. "Kartoffelgratin-Fix", "Texicana-Salsa" und sogar der hochkonzentrierte Aromastoff "Fondor" sind längst legalisiert, für jedermann frei erhältlich. Nicht einmal Kinder sind mehr sicher, greifen schon im Vorschulalter zur Riesentüte, von der sie sich "KIDS Klare Buchstabensuppe" erhoffen.

Die Hersteller und Verkäufer von Würzprodukten machen viel Geld. Die Hobbykochszene hat sich rasend schnell kommerzialisiert. Wenige verdienen enorm viel, die dumpfe Masse konsumiert und bezahlt dafür jeden Preis. Aber das reicht dem Kochlöffelkartell nicht aus. Die Organisatoren der Maggi-Raves verkaufen auch Rezepte für Privatfeiern und die dringend benötigte Szenekleidung. Denn jeder Suppen-Rave erfordert ein neues Outfit.

Im Maggi-Kochstudio herrscht jetzt Totenstille. Nur unterbrochen vom rhythmischen Löffelgeklapper der Konsumenten. Schlabber, schlabber, schluck, schluck. Nach der Einnahme von ca. 20 Milligramm reinem Suppenwürfel zeigen sich die ersten Wirkungen: es sträuben sich einem die Nackenhaare, der Speichelfluß wird angeregt, die Ohren weiten sich und stehen sperrangelweit offen. Wegen des anhaltenden Kohldampfs muß der Berauschte ständig löffeln und schlucken. Das Herz schlägt schneller, er kann nur noch verschwommen riechen. Dann beginnt er sich allmählich mit anderen dicken Hausfrauen zu unterhalten, die nur in seiner Phantasie existieren. Gelächter, vereinzelt sogar spitze Schreie: "Das muß ich mal meinem Mann kochen!" Oder: "Da muß noch was Salz ran!"

Noch lachen die Maggi-Freaks und würzen munter nach. Aber ihnen wird das Lachen schon noch vergehen. Garantiert. Denn spätestens am nächsten Tag droht jedem Kochstudio-Raver das, was im Rausch so gerne verdrängt wird: der gefürchtete Abwasch.