Graz, Dienstag 20. Juli 1999

Schlechtes Gewissen der Welt

Ernstfall FriedenBernard Kouchner ist UNO-Sonderbeauftragter für den Kosovo. Als Samariter mit einem ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung sorgte der Franzose für so manche Schlagzeile.

VON MICHAEL SARIA

Wenn Mediziner die Welt mit Revolutionärem in Staunen versetzen, dann hat das in der Regel Hand und Fuß. Es war jedoch nicht die menschliche Anatomie, die ihn berühmt und bei vielen umstritten gemacht hat, sondern der Kampf gegen das Leid der Ärmsten.

Vor wenigen Tagen wurde der Franzose Bernard Kouchner zum UNO-Sonderbeauftragten für den Kosovo ernannt. Als solcher wird der 59jährige Dr. med. für den Wiederaufbau und die Leitung der zivilen Verwaltung in der serbischen Provinz verantwortlich sein. "Die Herstellung der öffentlichen Sicherheit gehört zu meinen Prioritäten", betonte Kouchner, und forderte gleichsam als Einstandsgeste, daß in den Frieden auf dem Balkan mindestens ebenso viel Geld investiert werden müsse, wie für den Krieg gegen Jugoslawien ausgegeben wurde. "Alles andere wäre nicht zu verstehen."

In Kouchners Heimat fand man dessen Wahl "superb": Der französische Regierungschef Lionel Jospin läßt seinen Staatssekretär für Gesundheitsfragen ziehen, "damit er Frankreich Ehre macht". Selbst Präsident Jacques Chirac zeigte sich "überglücklich". Am meisten dürften sie sich jedoch darüber freuen, den streitbaren Querulanten für einige Zeit los zu sein. Denn der als Narziß verschriene 68er hat mit seinen Ideen des öfteren für Unruhe und Empörung gesorgt. "Ich bin der Minister für Empörung", meinte Kouchner einmal.

Elend. Begonnen hat es 1968, als Kouchner als Facharzt für Magen- und Darmkrankheiten für das Rote Kreuz in das nigerianische Bürgerkriegsgebiet Biafra ging. Die Konfrontation mit unmenschlichem Elend und unvorstellbarem Leid veränderte Kouchner mit einem Schlag. Hilfe über jede religiösen oder gesellschaftlichen Schranken hinweg - das war seine Mission. "Es gibt weder gute noch schlechte Tote. Wo Not ist, muß geholfen werden", wußte er.

Umso unverständlicher war Kouchner die Schweigepflicht, die das Rote Kreuz seinen Mitarbeitern auferlegte. Einen ersten verzweifelten Aufschrei wagte er 1971, als er die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" gründete. Von da an sorgte er als "personifiziertes schlechtes Gewissen der Welt" für gezielte Schlagzeilen, um mit seiner Forderung nach der "moralischen Pflicht zur Einmischung" ernst zu machen. Egal, ob im Libanon, Sudan oder in Afghanistan - "seit dreißig Jahren gibt es keinen Krieg, bei dem ich nicht dabeigewesen bin", weiß Kouchner.Gelegentlich verliefen diese Aktionen äußerst gefährlich: 1994 prangerte Kouchner die Menschenrechtsverletzungen in Ruanda ausgerechnet über "Radio Kigali" an, aus der Hochburg der Hutu-Mörderbanden.

Trotz der Erfolge überwarf er sich mit seinen Mitarbeitern, die nicht die letzten bleiben sollten, ihm seinen unerträglichen Hang zur Selbstdarstellung vorzuwerfen. Kouchners Konter: "Erst die Kamera rüttelt das Entsetzen über das Elend wach. Das ist nun einmal das Gesetz von Spektakel und Skandal." 1979 verließ er "Ärzte ohne Grenzen", um ein Jahr später die Organisation "Ärzte der Welt" zu gründen.

Karriere. 1988 wurde er als Staatssekretär ins Sozialministerium berufen, wo er in den eigens für ihn geschaffenen Ressorts "Menschenrechte" und "gesellschaftliche Wiedereingliederung" tätig war. Gerade auf politischer Bühne ließ Kouchner, 1992 für ein Jahr als Gesundheitsminister im Amt, nichts von seiner Gabe für Schlagzeilen vermissen: So etwa gab er vor einem Jahr eine Studie in Auftrag, die eine Rangliste der Gefahren aufstellen sollte, die von Drogen ausgehen. Das Ergebnis - Alkohol landete in der höchsten Gefahrenstufe, dem Umgang mit Haschisch wurde ein "relativ geringes Risiko" bescheinigt - löste eine hitzige Diskussion über die Legalisierung von Drogen aus.

Mit all diesen Erfahrungen ist Kouchner geradezu prädestiniert für die schwierige Aufgabe im Kosovo. Hinzu kommt, daß er als einer der ersten die "serbische Aggression" gebrandmarkt hat. Bereits 1991 propagierte Kouchner das "Recht auf Einmischung" im ehemaligen Jugoslawien. Letztendlich sollte er - wie so oft und bei aller Kritik - recht behalten.

http://www.kleine.co.at/kleine/19990720/Menschen/Com000c2.html

20. Juli 1999

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