Gesellschaftspsychose: Annäherung an eine verdrängte Geschichte
Wachschutz der Reichen: Die neue Nato soll Krieg führen können, weltweit
Atom-Krieger ohne Grund: Imperialismus und Weltvergewaltigung


Annäherung an eine verdrängte Geschichte

Das Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr präsentierte einen Sammelband über die Wehrmacht. SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi forderte vergleichende Studien mit alliierten Armeen 


Aus Berlin Christian Semler

Wohin man blickte, Uniformen; Ordonanzen balancierten Getränketabletts durch die Menge, gedämpfte, durch keinerlei schnarrende Offizierstöne gestörte Unterhaltungen. Wir befanden uns in Potsdam , aber nicht im Zentrum soldatischer Traditionspflege. Sondern mitten unter den militärischen Nestbeschmutzern, im Audimax der Universität Potsdam. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr (MGFA), früher in Freiburg, jetzt in der brandenburgischen Landeshauptstadt, hatte am Mittwoch eingeladen, um der Öffentlichkeit einen 1.300 Seiten dicken Wälzer zu präsentieren. Sein Titel "Die Wehrmacht, Mythos und Realität".

Das MGFA hat, vor allem unter der Federführung Manfred Messerschmidts, viel dazu beigetragen, die westdeutsche Nachkriegslüge von der "sauberen" Wehrmacht zu destruieren. In der Serie "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg" und in zahlreichen Monographien, z.B. der von Walter Manoscheck "Serbien ist judenfrei" von 1992 , wurde die "Einbindung" der Wehrmacht in die nazistischen Kriegsverbrechen und den Völkermord an den Juden nachgewiesen. Die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht wäre ohne die Vorarbeiten des MGFA undenkbar.

Dennoch hat das Institut nicht nur Kritik von konservativer Seite erfahren, auch progressive, an der sozialgeschichtlichen Forschung orientierte Historiker nahmen Anstoß daran, daß die "Geschichte von unten", wie sie sich zum Beispiel in den Feldpostbriefen deutscher Soldaten zeige, unzureichend berücksichtigt worden sei. Historiker wie Omar Bartov untersuchten die enge Bindung zwischen Armee, Regime und Gesellschaft unter dem Nazismus und betonten dabei die zentrale Rolle des Massenbewußtseins in der Wehrmacht.

Nicht zuletzt um sich mit diesen Kritiken auseinanderzusetzen, veranstaltete das Forschungsamt im Spätsommer 1997 ein internationales Kolloquium, dessen Resultate in dem Sammelband niedergelegt sind. In sieben Abschnitten, die jeweils mit einer Einleitung versehen sind, werden die Referate versammelt. Von besonderem Interesse scheinen jene Teile, in denen die Sozial- und Strukturgeschichte der Wehrmacht, die Mentalitäten und der Kriegsalltag sowie die Wehrmacht als Teil des "NS-Unrechtsstaates" behandelt werden. Hier liegt das Terrain der Auseinandersetzung mit der kritischen Geschichtsschreibung zur deutschen Armee im Zweiten Weltkrieg. Zur Wehrmachtsausstellung finden sich nur wenige explizite Stellungnahmen. In seiner Einleitung schreibt der Oberst und Historiker Friedhelm Klein, Amtschef des MGFA: "Die öffentliche Diskussion über die Wehrmacht hat vielfach die Perspektive in wissenschaftlich unakzpetabler Weise auf die Frage der Kriegsverbrechen verengt. Auch hat der heftige Meinungsstreit Ausmaße angenommen, die eine vorurteilslose, an wissenschaftlichen Kriterien orientierte Aufarbeitung der angesprochenen Fragen dringlich erscheinen lassen." Eine offenbar vergebliche Hoffnung. Denn solange die Weißwäscher in der Öffentlichkeit das Feld beherrschen, wird das Forschungsamt nicht umhin kommen, im "heftigen Meinungsstreit" Partei zu beziehen.

Zur Präsentation des Werks hatte das MGFA den früheren Hamburger Regierenden Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) eingeladen. In seiner Einführung stellte sich von Dohnanyi, dessen Vater von den Nazis hingerichtet wurde, hinter die Hamburger Wehrmachtsausstellung. Er referierte kommentarlos die beiden Haupteinwände gegen das Unternehmen Hannes Heers (Einseitigkeit, Zweifel an der Authentizität der Dokumente), meinte aber dann, erst die Ausstellung habe den Weg frei gemacht zu einer gründlichen öffentlichen Diskussion. Dohnanyi wehrte sich gegen alle Formen moralischer Überheblichkeit seitens der Nachgeborenen. Er bestand darauf, daß es in Deutschland Täter, Helfershelfer, Zuschauer und Wegseher gegeben habe und jedem Urteil eine Selbstprüfung - "Wie hätte ich mich damals verhalten?" - vorangehen müsse. Zwei Thesen von Dohnanyis forderten zur Diskussion (die unterblieb) heraus. Zum einen meinte er, nur wer Soldat oder wenigstens Zeitgenosse gewesen sei, könne wirklich verstehen, was in den Angehörigen der Wehrmacht vor sich gegangen sei. Zum zweiten forderte er einen historischen Vergleich mit anderen Armeen im Zweiten Weltkrieg. Dieser Vergleich, so Dohnanyi, würde ergeben, daß die deutschen Verbrechen zwar singulär gewesen seien, daß aber auch die Alliierten größte Schuld auf sich geladen hätten. In diesem Zusammenhang sprach Dohnanyi vom Abwurf der Atombombe über Hiroshima und Nagasaki als "industriell betriebenem Massenmord".

http://www.taz.de/tpl/1999/04/30
taz Nr. 5824 vom 30.4.1999 Seite 7

TAZ-Bericht Christian Semler


Die alte Nato, das westliche Verteidigungsbündnis, existiert nicht mehr. Die neue Nato soll Krieg führen können, weltweit

Wachschutz der Reichen

50 Jahre nach ihrer Gründung führt die Nato das erste Mal Krieg gegen einen souveränen Staat. Dieser Satz, auch wenn er, anläßlich der Jubiläumsfeier in Washington, immer wieder geschrieben wurde, stimmt so nicht. Zwar wurde vor 50 Jahren in Washington eine Organisation gegründet, die sich Nato nannte, doch diese Organisation ist es nicht, die nun gegen Restjugoslawien Krieg führt. Die damals in Washington gegründete Allianz ist tot.

Es ist nicht ganz einfach, den Todestag anzugeben; klar ist nur der Anfang vom Ende. Als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, begann auch das Sterben der Nato. Mit der Auflösung des Warschauer Paktes wurde eine Organisation, die 1949 als antikommunistische Schutzgemeinschaft, als militärischer Arm der kapitalistischen Demokratien zur Eindämmung des Kommunismus gegründet wurde, schlicht und einfach obsolet.

Die Nato, die heute Krieg führt, hat mit der ursprünglichen Organisation fast nichts mehr gemein. Das jetzt in Washington verabschiedete Konzept einer künftigen Bündnisstrategie ist deshalb auch viel mehr als eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Allianz - es ist in der Substanz die Gründung eines neuen Militärpaktes.

Zwischen dem Fall der Mauer und der Neugründung der Nato liegen knapp zehn Jahre. Diese zehn Jahre sind eine schwer verdauliche Lektion Realpolitik, eine Realpolitik, die mit dazu geführt hat, daß die neue Nato nun Krieg führt. Es ist kein Zufall, daß diese neue Nato, noch bevor sie amtlich richtig registriert ist, bereits bombt. Im Gegensatz zu der alten Organisation, die bei Strafe ihres Untergangs eine Kriegsverhütungsorganisation war, ist die neue Nato eine Organisation, die Krieg führen können soll. Das ist keine moralische Wertung, es beschreibt lediglich die veränderte Funktion.

Die perverse Logik des Nuklearkrieges hat 40 Jahre lang dazu geführt, daß aus dem Kalten Krieg kein heißer Krieg wurde. Die Nato war dazu da, das Gleichgewicht des Schreckens aufrechtzuerhalten. Mit der Mauer in Berlin verschwand jedoch auch die Angst vor der Apokalypse. Als die Dekkel der Silos der Interkontinentalraketen geschlossen und die Zieldaten deprogrammiert wurden, war das Schlachtfeld wieder frei.

Die Kriege in der Zeit des atomaren Schreckens waren Stellvertreterkriege, die über einen gewissen Punkt hinaus nicht eskalieren durften. Das galt für den Nahen Osten wie für Indochina. Seit die Drohung der wechselseitigen atomaren Vernichtung in den Hintergrund getreten ist, ist diese Zurückhaltung nicht mehr notwendig. Die Nato bekam die theoretische Option, Krieg zu führen.

Zehn Jahre später ist die Organisation soweit umgewandelt, transformiert und in eine neue Form gebracht, daß sie auch praktisch dazu in der Lage ist, Krieg zu führen. Auch wenn es zynisch klingen mag: Daß die Nato jetzt Krieg gegen Restjugoslawien führt, hat vor allem damit zu tun, daß sie jetzt dazu in der Lage ist, und nicht damit, wie mancher uns glauben machen will, daß Miloevic sein Konto überzogen hat.

Die Entscheidungen zur Bildung einer neuen, kriegsführungsfähigen Nato, fielen Anfang der Neunziger. Daß die Nordatlantische Verteidigungsallianz 1991 nicht aufgelöst wurde, hatte mit bürokratischem Beharrungsvermögen und dem gemeinsamen Wunsch wichtiger europäischer und US-Politiker und Industrieller zu tun, diese Klammer zwischen den USA und Europa nicht aufzugeben. Darüber hinaus herrschte die nackte Ratlosigkeit.

Für einen kurzen Moment, während des damals noch sogenannten KSZE-Gipfels in Paris, als Gorbatschow für den Bau eines neuen europäischen Hauses warb, schien es sogar so, als könne Frieden in Europa politisch organisiert werden. Für einen Moment schien es so, als hätten alle aus der Drohung mit der totalen Vernichtung gelernt und seien nun bereit, Konfliktverhütung und einen weltweiten Schlichtungsmechanismus an die Stelle militärischer Drohung zu setzen. Die UNO erlebte eine kurze Blüte, die OSZE sollte den Frieden in Europa wahren.

Es ist nicht nur die Schuld des Westens, daß diese historische Chance nicht dazu genutzt wurde, wirklich neue Strukturen aufzubauen. Für viele blutige Konflikte, vor allem die im Gebiet der früheren Sowjetunion, trägt der Westen keine Verantwortung. Die entscheidenden Schlachten auf dem Weg in die neue Nato waren aber nicht die Bürgerkriege im Kaukasus oder in Somalia. Die entscheidenden Ereignisse waren der Golfkrieg II und der Kriegsausbruch zwischen Serbien und Kroatien.

Als es wirklich ernst wurde und ein neues Konfliktmanagement möglicherweise auch westliche Interessen beeinträchtigt hätte, machte die Vormacht USA klar, daß sie ein internationales Krisenmanagement nicht akzeptiert, sondern sich als Ultima ratio nur auf ihre Waffen verläßt. Vor Ausbruch des Golfkriegs II war Gorbatschow bereit, ohne Vorbedingungen mit den USA und Europa zu kooperieren. Primakow reiste als sein Sonderbotschafter nach Bagdad, um Saddam Hussein zu einem Kompromiß zu bewegen. Im Sicherheitsrat wurde pausenlos verhandelt. Man kann noch immer spekulieren, ob der gemeinsame Druck aller wichtigen Mächte Saddam nicht doch zum Rückzug aus Kuwait bewegt hätte.

Die USA wollten die Entscheidung auf dem Schlachtfeld, und die Russen mußten zum ersten Mal nach dem Ende des Kalten Krieges ohnmächtig erkennen, daß ihre Interessen zweitrangig waren. Die USA und die Briten führten Krieg, die Nato war damals noch nicht einsatzbereit.

Der Krieg in Jugoslawien erwischte den Rest Europas im denkbar ungünstigsten Moment. Die Diskussion um neue Strukturen gemeinsamer Sicherheit in Europa hatte gerade begonnen, als Serbenführer Miloevic und der kroatische Nationalist Tudjman beschlossen, daß die Zeit für ihre eigenen Staaten gekommen sei. Die westeuropäische Union stand dieser Herausforderung hilflos gegenüber, eine OSZE, die wirksam hätte eingreifen können, gab es noch nicht, und die Nato trauerte immer noch über den Verlust der russischen Bedrohung. Letztlich aber schien der militärische Schutz der Nato den Europäern in West und Ost als der einzig sichere Hafen. Die Diskussion um Konfliktprävention wurde bereits erstickt, bevor überhaupt die Möglichkeit bestanden hatte, Strukturen zur Konfliktverhütung in Europa zu entwickeln. Als sich zeigte, daß auch die UNO-Blauhelmtruppen nicht in der Lage waren (oder nicht in die Lage versetzt wurden), das Gemetzel in Bosnien zu beenden, schlug die Stunde der neuen Nato. Dieser Prozeß ist jetzt abgeschlossen. Die neue Nato steht, und sie ist willens und in der Lage, Krieg zu führen. Die Diskussion, ob diese neue Nato so etwas wie der bewaffnete Arm von amnesty international ist, ist nur vor dem Hintergrund der Genese der Organisation auf dem jugoslawischen Kriegsschauplatz und auch nur in Deutschland verständlich.

"Nie wieder Auschwitz" zur Begründung eines Nato-Kriegseinsatzes, ist eine sehr deutsche Debatte. Auch prinzipielle Fragen, wie die nach der Mandatierung zukünftiger Nato-Einsätze durch die UNO, werden in dieser grundsätzlichen Form nur in Deutschland diskutiert. Die Entwicklungen, das zeigt das Washingtoner Dokument der 50-Jahr-Feier, ist längst darüber hinweggegangen. Die UNO ist nicht der Auftraggeber der Nato. Im Konfliktfall wird man sich um Einvernehmen im Sicherheitsrat bemühen, ein Veto Rußlands oder Chinas letztlich aber mit Bedauern zu den Akten legen. Deshalb ist für die USA eine Reform der UNO auch nicht weiter wichtig.

Dasselbe gilt für den geographischen Raum, den die Nato zu ihrer Einflußsphäre zählt. Letztlich gehört alles zum euro-atlantischen Raum, was die Interessen der Nato-Staaten tangiert. Angefangen von sogenannten Schurkenstaaten bis zur Sicherung des Ölnachschubs. Entwicklungen, die den Reichtum und die Sicherheit, also die Sicherung des Reichtums der Ersten Welt, mit der die Nato ja weitgehend identisch ist, bedrohen, werden von der Allianz zukünftig als Herausforderungen betrachtet, gegen die man notfalls auch militärisch einschreiten will. Wann und wie dies geschieht, wird von Fall zu Fall und ganz pragmatisch entschieden.

Die neue Nato ist, auch wenn sie jetzt im Kosovo zugunsten einer bedrohten Minderheit eingreift, alles andere als eine Menschenrechts- Interventionsstreitmacht. Die neue Nato ist der Wachschutz für die Reichen dieser Welt.

Jürgen Gottschlich

Der Aufstieg der neuen Nato ist eine Geschichte verpaßter ChancenMit oder ohne UNO
diese Frage wurde in Washington längst entschieden

taz Nr. 5824 vom 30.4.1999 Seite 12
http://www.taz.de/tpl/1999/04/30



21. April 1999 Jungle World

Krieger ohne Grund

Zu ihrem Jubiläum hat sich die Nato nicht nur einen Krieg beschert, sondern auch einigen Ärger für die Zukunft.
 
Von Gerhard Piper

Was macht ein Verteidigungsbündnis ohne Angreifer? Ihre Hauptaufgabe, die Abwehr potentieller Gegner, durfte die Nato in ihrer 50jährigen Geschichte nie erfüllen. Trotz aller Feindbilder und Bedrohungsszenarien ist einfach kein Angreifer vorbeigekommen. Nun endlich, als die Nato ihr Jubiläum feierte, bombardierten Nato-Luftstreitkräfte im Rahmen der Kriegsoperation "Allied Force" den Rest des einstigen Jugoslawien. Angriff ist die beste Verteidigung, lautet die passende Latrinenparole. Doch wenn das Ziel des Einsatzes der Schutz der kosovo-albanischen Bevölkerung war, dann hat die Nato mit ihrem militärischen Einsatz irgend etwas falsch gemacht.

Offiziell ist die Nato ein multinationales Bündnis souveräner Staaten, die alle Entscheidungen einstimmig treffen. Tatsächlich wird sie aber von den USA beherrscht, die über den Großteil der konventionellen und atomaren Streitkräfte verfügen und die Oberbefehlshaber stellen. Daß die Nato ein "erfolgreiches" Militärbündnis wurde, hat einen Grund. Sie ist die erste Allianz, die eine integrierte Struktur entwickelte, ein gemeinsames Hauptquartier schuf und die nationalen Truppenteile zu alliierten Armeegruppen und Luftflotten zusammenfaßte.

Dieser Integrationsprozeß brauchte Zeit und wurde von den USA dominiert, wie man am Beispiel der Strategieentwicklung sehen kann. Am 19. Oktober 1949 verabschiedete das Nato Military Committee sein erstes Strategiepapier. Das sieben Seiten lange Dokument "MC 3" besagte nur, daß die Nato im Falle eines Angriffs so schnell wie möglich mit allen verfügbaren Mitteln den Kampf aufnehmen werde. Es galt, den sowjetischen Einfluß in Europa einzudämmen. Das sollte mit Hilfe der von den USA übernommenen Politik des Roll Back geschehen.

Anfang der fünfziger Jahre sah man in Atomwaffen lediglich besonders große und billige Sprengkörper. Um die US-amerikanische Überlegenheit gegenüber der Sowjetunion zu gewährleisten, verabschiedeten die USA 1954 die Strategie der "massiven Vergeltung". Im Falle eines Angriffs sollte sofort und umfassend mit Atomwaffen zurückgeschossen werden. Einsatz von Atomwaffen so früh wie nötig, lautete die Formel. Diese Strategie übernahm die Nato am 22. November 1954 als "MC 48".

Wenige Jahre später wurde deutlich, daß die radioaktive Verstrahlung durch die einsatzbereiten Nuklearwaffen im Kriegsfall so groß sein würde, daß das Überleben der eigenen Bevölkerung gefährdet wäre. Der damalige US-Verteidigungsminister Robert Strange McNamara setzte daraufhin 1962 zahlreiche Veränderungen der US-Politik durch: Die Zahl der strategischen Atomsprengkörper wurde ebenso wie die Sprengwirkung verringert.

Ziele der eigenen Nuklearwaffen sollten nicht mehr die Städte, sondern die Nuklearwaffen des Gegners sein, was entsprechend treffgenaue Raketen erforderte und die Angst vor einem atomaren Erstschlag schürte. Atomwaffen sollten zudem so spät wie möglich zum Einsatz kommen. "Flexible Response" wurde dieses Konzept genannt, das die Nato erst am 16. Januar 1968 mit der Unterzeichnung des Dokuments "MC 14/3" übernahm. Diese neue Strategie der Nato weckte aber Zweifel, ob die USA einen Atomkrieg auf Europa begrenzen wollten.

Innerhalb der Nato verständigte man sich auf den sogenannten Ersteinsatz von Atomwaffen, das heißt, das Bündnis wollte in einem Krieg Nuklearwaffen auch dann abfeuern, wenn der Gegner nur konventionelle Waffen einsetzte. Unter welchen Umständen dies erfolgen sollte, darauf konnten sich die Nato-Staaten jedoch nie einigen. Die Nato stellte das als besonders cleveren Zug dar. Was man selbst nicht wisse, das könne auch kein Gegner ausspionieren. Die damaligen "General Defense Plans" sahen den Ersteinsatz von Atomwaffen in der Regel für den fünften oder sechsten Kriegstag vor.

Auf der politischen Ebene wurde die überkommene Strategie des Roll Back Ende der sechziger Jahre durch die sogenannte Entspannungspolitik abgelöst. Damit wollte man einen allmählichen Regimewandel in den osteuropäischen Staaten erreichen - was in den Jahren 1989/90 erfolgte.

Über die Zukunft der Flexible Response-Strategie ist zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges noch nicht entschieden. Auf die fundamentalen sicherheitspolitischen Veränderungen in Europa reagierte die Nato im November 1991 zunächst mit einer Veränderung ihrer politischen Strategie. Bereits einen Monat später waren diese Überlegungen überholt, als sich die Sowjetunion im Dezember 1991 selbst auflöste.

In den folgenden Jahren modifizierte die Nato gemäß den neuen politischen Leitlinien ihre Militärstrategie. Das Bündnis hält zwar einen großen Landkrieg in Europa für unwahrscheinlich: Es will aber für diesen Fall am atomaren Ersteinsatz festhalten, obwohl die Zahl der US-amerikanischen Atomwaffen in Europa mittlerweile von 7 500 auf 150 reduziert wurde. Einen Vorschlag des deutschen Außenministers Joseph Fischer vom November 1998, diese Politik zu ändern, lehnten die USA ab.

Am 24. April treffen sich nun die Regierungschefs der Nato-Staaten in Washington zu einer Konferenz, die von Daimler-Chrysler und US-amerikanischen Rüstungsunternehmen gesponsert wird. Dort soll ein neues politisches Strategiepapier verabschiedet werden. Obwohl eine Policy Coordination Group seit Januar 1998 an den Formulierungen arbeitet, konnten die mittlerweile 19 Mitgliedsstaaten bisher nicht in allen Punkten eine Einigung erzielen.

Doch eine fundamentale Veränderung der Nato-Politik ist ohnehin nicht zu erwarten. Dauerthema werden die Machtverhältnisse im Bündnis sein. Seit dem Aufstand der Franzosen vor vierzig Jahren haben die Europäer immer wieder ein stärkeres Gewicht im eigenen Bündnis gefordert, während sie gleichzeitig auch eine Stärkung der transatlantischen Beziehungen befürworten. Kein Wunder, daß sie bisher nur soviel "Emanzipation" erreichen konnten, wie ihnen die USA zugestanden.

Seit dem Berliner Nato-Gipfel im Juni 1996 dürfen die Europäer auch allein, ohne die USA, intervenieren. Dazu wurde mit dem Aufbau von "Combined Joint Task Forces" begonnen, die aber weiterhin auf Satellitenaufklärung und Lufttransport der US-Streitkräfte angewiesen sind. Statt mehr Macht zu erlangen, sind die Europäer nur zahlreicher geworden. Am 12. März nahm das Bündnis Polen, Tschechien und Ungarn auf. Entgegen den ursprünglichen Absichten werden aber auf dem Nato-Gipfel keine weiteren Staaten zum Beitritt ins Bündnis aufgefordert, weil man Rußland nicht noch mehr vergrätzen will. Die gespannten Beziehungen machten "einen behutsamen Umgang mit dem Selbstwertgefühl dieser kontinentalen Regionalmacht" erforderlich, wie der deutsche General Klaus Naumann vorsichtig in der NZZ formulierte.

Da die Bündnisverteidigung als traditionelle "Kernfunktion" obsolet ist, ist die Nato auch weiterhin auf der Suche nach ihrem Existenzgrund. Auch ihre prinzipiell Zustimmung für Peace-Keeping-Missionen rechtfertigt nicht die Beibehaltung von Streitkräften im gegenwärtigen Umfang. Der Forderung der USA, die Nato zu einem globalen Interventionsinstrument zu machen, verweigert sich die Mehrzahl der europäischen Nato-Staaten.

Eine solche Militärstrategie müßte durch entsprechende Streitkräfteziele in die Praxis umgesetzt werden. Unter dem Marketing-Slogan "Revolution in Military Affairs" haben die USA ihren Bündnispartnern schon eine ganz neue Generation von Waffensystemen angepriesen, die noch "intelligenter" sein sollen als die alten. Ziel ist das vollautomatisierte Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts, auf dem keine Soldaten fallen, sondern Roboter Roboter killen.

Zunächst sah es so aus, als würden die USA sich im Streit um die Mandatierungsfrage durchsetzen. Doch als sie im vergangenen Dezember ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates im Irak intervenierten, schlossen sich ihnen nur die Briten an.

Als aber am 24. März die Nato Jugoslawien ebenfalls ohne UN-Mandat angriff, waren daran immerhin 13 Nato-Staaten aktiv beteiligt. Doch nun erscheint es so, als würde sich der Jugoslawienkrieg als Einzel- und nicht als Präzedenzfall erweisen. Nach dem Fiasko der Nato-Luftangriffe ist die Bereitschaft der Nato-Staaten zu weiteren "Abenteuern" zumindest vorläufig gedämpft.

Auch wenn Nato-Generalsekretär Javier Solana kürzlich behauptete, die Allianz habe "in jedem Augenblick ihrer Geschichte die richtige politische und militärische Strategie entwickelt hat, um mit den anstehenden Problemen fertig zu werden", könnte sich das bald ändern. Denn nur durch einen in jeder Hinsicht kostspieligen Bodenkrieg kann die Allianz eine militärisch-politische Niederlage noch abwenden. Dabei geht es der Nato nicht um das Schicksal der Kosovo-Albaner, sondern darum, was einmal in den Geschichtsbüchern darüber stehen wird, wer den ersten Nato-Krieg gewonnen hat.
 
http://www.jungle-world.com/_99/17/05a.htm

Gegen-Informations-Büro
Zurück!