Annäherung an eine verdrängte Geschichte
Das Militärgeschichtliche Forschungsamt
der Bundeswehr präsentierte einen Sammelband über die Wehrmacht.
SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi forderte vergleichende Studien mit alliierten
Armeen
Aus Berlin Christian Semler
Wohin man blickte, Uniformen; Ordonanzen
balancierten Getränketabletts durch die Menge, gedämpfte, durch
keinerlei schnarrende Offizierstöne gestörte Unterhaltungen.
Wir befanden uns in Potsdam , aber nicht im Zentrum soldatischer Traditionspflege.
Sondern mitten unter den militärischen Nestbeschmutzern, im Audimax
der Universität Potsdam. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt
der Bundeswehr (MGFA), früher in Freiburg, jetzt in der brandenburgischen
Landeshauptstadt, hatte am Mittwoch eingeladen, um der Öffentlichkeit
einen 1.300 Seiten dicken Wälzer zu präsentieren. Sein Titel
"Die Wehrmacht, Mythos und Realität".
Das MGFA hat, vor allem unter der Federführung Manfred Messerschmidts,
viel dazu beigetragen, die westdeutsche Nachkriegslüge von der "sauberen"
Wehrmacht zu destruieren. In der Serie "Das Deutsche Reich und der Zweite
Weltkrieg" und in zahlreichen Monographien, z.B. der von Walter Manoscheck
"Serbien ist judenfrei" von 1992 , wurde die "Einbindung" der Wehrmacht
in die nazistischen Kriegsverbrechen und den Völkermord an den Juden
nachgewiesen. Die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung
über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht wäre ohne die Vorarbeiten
des MGFA undenkbar.
Dennoch hat das Institut nicht nur Kritik von konservativer Seite erfahren,
auch progressive, an der sozialgeschichtlichen Forschung orientierte Historiker
nahmen Anstoß daran, daß die "Geschichte von unten", wie sie
sich zum Beispiel in den Feldpostbriefen deutscher Soldaten zeige, unzureichend
berücksichtigt worden sei. Historiker wie Omar Bartov untersuchten
die enge Bindung zwischen Armee, Regime und Gesellschaft unter dem Nazismus
und betonten dabei die zentrale Rolle des Massenbewußtseins in der
Wehrmacht.
Nicht zuletzt um sich mit diesen Kritiken auseinanderzusetzen, veranstaltete
das Forschungsamt im Spätsommer 1997 ein internationales Kolloquium,
dessen Resultate in dem Sammelband niedergelegt sind. In sieben Abschnitten,
die jeweils mit einer Einleitung versehen sind, werden die Referate versammelt.
Von besonderem Interesse scheinen jene Teile, in denen die Sozial- und
Strukturgeschichte der Wehrmacht, die Mentalitäten und der Kriegsalltag
sowie die Wehrmacht als Teil des "NS-Unrechtsstaates" behandelt werden.
Hier liegt das Terrain der Auseinandersetzung mit der kritischen Geschichtsschreibung
zur deutschen Armee im Zweiten Weltkrieg. Zur Wehrmachtsausstellung finden
sich nur wenige explizite Stellungnahmen. In seiner Einleitung schreibt
der Oberst und Historiker Friedhelm Klein, Amtschef des MGFA: "Die öffentliche
Diskussion über die Wehrmacht hat vielfach die Perspektive in wissenschaftlich
unakzpetabler Weise auf die Frage der Kriegsverbrechen verengt. Auch hat
der heftige Meinungsstreit Ausmaße angenommen, die eine vorurteilslose,
an wissenschaftlichen Kriterien orientierte Aufarbeitung der angesprochenen
Fragen dringlich erscheinen lassen." Eine offenbar vergebliche Hoffnung.
Denn solange die Weißwäscher in der Öffentlichkeit das
Feld beherrschen, wird das Forschungsamt nicht umhin kommen, im "heftigen
Meinungsstreit" Partei zu beziehen.
Zur Präsentation des Werks hatte das MGFA den früheren Hamburger
Regierenden Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) eingeladen. In
seiner Einführung stellte sich von Dohnanyi, dessen Vater von den
Nazis hingerichtet wurde, hinter die Hamburger Wehrmachtsausstellung. Er
referierte kommentarlos die beiden Haupteinwände gegen das Unternehmen
Hannes Heers (Einseitigkeit, Zweifel an der Authentizität der Dokumente),
meinte aber dann, erst die Ausstellung habe den Weg frei gemacht zu einer
gründlichen öffentlichen Diskussion. Dohnanyi wehrte sich gegen
alle Formen moralischer Überheblichkeit seitens der Nachgeborenen.
Er bestand darauf, daß es in Deutschland Täter, Helfershelfer,
Zuschauer und Wegseher gegeben habe und jedem Urteil eine Selbstprüfung
- "Wie hätte ich mich damals verhalten?" - vorangehen müsse.
Zwei Thesen von Dohnanyis forderten zur Diskussion (die unterblieb) heraus.
Zum einen meinte er, nur wer Soldat oder wenigstens Zeitgenosse gewesen
sei, könne wirklich verstehen, was in den Angehörigen der Wehrmacht
vor sich gegangen sei. Zum zweiten forderte er einen historischen Vergleich
mit anderen Armeen im Zweiten Weltkrieg. Dieser Vergleich, so Dohnanyi,
würde ergeben, daß die deutschen Verbrechen zwar singulär
gewesen seien, daß aber auch die Alliierten größte Schuld
auf sich geladen hätten. In diesem Zusammenhang sprach Dohnanyi vom
Abwurf der Atombombe über Hiroshima und Nagasaki als "industriell
betriebenem Massenmord".
http://www.taz.de/tpl/1999/04/30
taz Nr. 5824 vom 30.4.1999 Seite 7
TAZ-Bericht Christian Semler
Die alte Nato,
das westliche Verteidigungsbündnis, existiert nicht mehr. Die neue
Nato soll Krieg führen können, weltweit
Wachschutz der Reichen
50 Jahre nach ihrer Gründung
führt die Nato das erste Mal Krieg gegen einen souveränen Staat.
Dieser Satz, auch wenn er, anläßlich der Jubiläumsfeier
in Washington, immer wieder geschrieben wurde, stimmt so nicht. Zwar wurde
vor 50 Jahren in Washington eine Organisation gegründet, die sich
Nato nannte, doch diese Organisation ist es nicht, die nun gegen Restjugoslawien
Krieg führt. Die damals in Washington gegründete Allianz ist
tot.
Es ist nicht ganz einfach, den Todestag anzugeben; klar ist nur der
Anfang vom Ende. Als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, begann
auch das Sterben der Nato. Mit der Auflösung des Warschauer Paktes
wurde eine Organisation, die 1949 als antikommunistische Schutzgemeinschaft,
als militärischer Arm der kapitalistischen Demokratien zur Eindämmung
des Kommunismus gegründet wurde, schlicht und einfach obsolet.
Die Nato, die heute Krieg führt, hat mit der ursprünglichen Organisation
fast nichts mehr gemein. Das jetzt in Washington verabschiedete Konzept
einer künftigen Bündnisstrategie ist deshalb auch viel mehr als
eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Allianz - es ist in der
Substanz die Gründung eines neuen Militärpaktes.
Zwischen dem Fall der Mauer und der Neugründung der Nato liegen knapp
zehn Jahre. Diese zehn Jahre sind eine schwer verdauliche Lektion Realpolitik,
eine Realpolitik, die mit dazu geführt hat, daß die neue Nato
nun Krieg führt. Es ist kein Zufall, daß diese neue Nato, noch
bevor sie amtlich richtig registriert ist, bereits bombt. Im Gegensatz
zu der alten Organisation, die bei Strafe ihres Untergangs eine Kriegsverhütungsorganisation
war, ist die neue Nato eine Organisation, die Krieg führen können
soll. Das ist keine moralische Wertung, es beschreibt lediglich die veränderte
Funktion.
Die perverse Logik des Nuklearkrieges hat 40 Jahre lang dazu geführt,
daß aus dem Kalten Krieg kein heißer Krieg wurde. Die Nato
war dazu da, das Gleichgewicht des Schreckens aufrechtzuerhalten. Mit der
Mauer in Berlin verschwand jedoch auch die Angst vor der Apokalypse. Als
die Dekkel der Silos der Interkontinentalraketen geschlossen und die Zieldaten
deprogrammiert wurden, war das Schlachtfeld wieder frei.
Die Kriege in der Zeit des atomaren Schreckens waren Stellvertreterkriege,
die über einen gewissen Punkt hinaus nicht eskalieren durften. Das
galt für den Nahen Osten wie für Indochina. Seit die Drohung
der wechselseitigen atomaren Vernichtung in den Hintergrund getreten ist,
ist diese Zurückhaltung nicht mehr notwendig. Die Nato bekam die theoretische
Option, Krieg zu führen.
Zehn Jahre später ist die Organisation soweit umgewandelt, transformiert
und in eine neue Form gebracht, daß sie auch praktisch dazu in der
Lage ist, Krieg zu führen. Auch wenn es zynisch klingen mag: Daß
die Nato jetzt Krieg gegen Restjugoslawien führt, hat vor allem damit
zu tun, daß sie jetzt dazu in der Lage ist, und nicht damit, wie
mancher uns glauben machen will, daß Miloevic sein Konto überzogen
hat.
Die Entscheidungen zur Bildung einer neuen, kriegsführungsfähigen
Nato, fielen Anfang der Neunziger. Daß die Nordatlantische Verteidigungsallianz
1991 nicht aufgelöst wurde, hatte mit bürokratischem Beharrungsvermögen
und dem gemeinsamen Wunsch wichtiger europäischer und US-Politiker
und Industrieller zu tun, diese Klammer zwischen den USA und Europa nicht
aufzugeben. Darüber hinaus herrschte die nackte Ratlosigkeit.
Für einen kurzen Moment, während des damals noch sogenannten
KSZE-Gipfels in Paris, als Gorbatschow für den Bau eines neuen europäischen
Hauses warb, schien es sogar so, als könne Frieden in Europa politisch
organisiert werden. Für einen Moment schien es so, als hätten
alle aus der Drohung mit der totalen Vernichtung gelernt und seien nun
bereit, Konfliktverhütung und einen weltweiten Schlichtungsmechanismus
an die Stelle militärischer Drohung zu setzen. Die UNO erlebte eine
kurze Blüte, die OSZE sollte den Frieden in Europa wahren.
Es ist nicht nur die Schuld des Westens, daß diese historische Chance
nicht dazu genutzt wurde, wirklich neue Strukturen aufzubauen. Für
viele blutige Konflikte, vor allem die im Gebiet der früheren Sowjetunion,
trägt der Westen keine Verantwortung. Die entscheidenden Schlachten
auf dem Weg in die neue Nato waren aber nicht die Bürgerkriege im
Kaukasus oder in Somalia. Die entscheidenden Ereignisse waren der Golfkrieg
II und der Kriegsausbruch zwischen Serbien und Kroatien.
Als es wirklich ernst wurde und ein neues Konfliktmanagement möglicherweise
auch westliche Interessen beeinträchtigt hätte, machte die Vormacht
USA klar, daß sie ein internationales Krisenmanagement nicht akzeptiert,
sondern sich als Ultima ratio nur auf ihre Waffen verläßt. Vor
Ausbruch des Golfkriegs II war Gorbatschow bereit, ohne Vorbedingungen
mit den USA und Europa zu kooperieren. Primakow reiste als sein Sonderbotschafter
nach Bagdad, um Saddam Hussein zu einem Kompromiß zu bewegen. Im
Sicherheitsrat wurde pausenlos verhandelt. Man kann noch immer spekulieren,
ob der gemeinsame Druck aller wichtigen Mächte Saddam nicht doch zum
Rückzug aus Kuwait bewegt hätte.
Die USA wollten die Entscheidung auf dem Schlachtfeld, und die Russen mußten
zum ersten Mal nach dem Ende des Kalten Krieges ohnmächtig erkennen,
daß ihre Interessen zweitrangig waren. Die USA und die Briten führten
Krieg, die Nato war damals noch nicht einsatzbereit.
Der Krieg in Jugoslawien erwischte den Rest Europas im denkbar ungünstigsten
Moment. Die Diskussion um neue Strukturen gemeinsamer Sicherheit in Europa
hatte gerade begonnen, als Serbenführer Miloevic und der kroatische
Nationalist Tudjman beschlossen, daß die Zeit für ihre eigenen
Staaten gekommen sei. Die westeuropäische Union stand dieser Herausforderung
hilflos gegenüber, eine OSZE, die wirksam hätte eingreifen können,
gab es noch nicht, und die Nato trauerte immer noch über den Verlust
der russischen Bedrohung. Letztlich aber schien der militärische Schutz
der Nato den Europäern in West und Ost als der einzig sichere Hafen.
Die Diskussion um Konfliktprävention wurde bereits erstickt, bevor
überhaupt die Möglichkeit bestanden hatte, Strukturen zur Konfliktverhütung
in Europa zu entwickeln. Als sich zeigte, daß auch die UNO-Blauhelmtruppen
nicht in der Lage waren (oder nicht in die Lage versetzt wurden), das Gemetzel
in Bosnien zu beenden, schlug die Stunde der neuen Nato. Dieser Prozeß
ist jetzt abgeschlossen. Die neue Nato steht, und sie ist willens und in
der Lage, Krieg zu führen. Die Diskussion, ob diese neue Nato so etwas
wie der bewaffnete Arm von amnesty international ist, ist nur vor dem Hintergrund
der Genese der Organisation auf dem jugoslawischen Kriegsschauplatz und
auch nur in Deutschland verständlich.
"Nie wieder Auschwitz" zur Begründung eines Nato-Kriegseinsatzes,
ist eine sehr deutsche Debatte. Auch prinzipielle Fragen, wie die nach
der Mandatierung zukünftiger Nato-Einsätze durch die UNO, werden
in dieser grundsätzlichen Form nur in Deutschland diskutiert. Die
Entwicklungen, das zeigt das Washingtoner Dokument der 50-Jahr-Feier, ist
längst darüber hinweggegangen. Die UNO ist nicht der Auftraggeber
der Nato. Im Konfliktfall wird man sich um Einvernehmen im Sicherheitsrat
bemühen, ein Veto Rußlands oder Chinas letztlich aber mit Bedauern
zu den Akten legen. Deshalb ist für die USA eine Reform der UNO auch
nicht weiter wichtig.
Dasselbe gilt für den geographischen Raum, den die Nato zu ihrer Einflußsphäre
zählt. Letztlich gehört alles zum euro-atlantischen Raum, was
die Interessen der Nato-Staaten tangiert. Angefangen von sogenannten Schurkenstaaten
bis zur Sicherung des Ölnachschubs. Entwicklungen, die den Reichtum
und die Sicherheit, also die Sicherung des Reichtums der Ersten Welt, mit
der die Nato ja weitgehend identisch ist, bedrohen, werden von der Allianz
zukünftig als Herausforderungen betrachtet, gegen die man notfalls
auch militärisch einschreiten will. Wann und wie dies geschieht, wird
von Fall zu Fall und ganz pragmatisch entschieden.
Die neue Nato ist, auch wenn sie jetzt im Kosovo zugunsten einer bedrohten
Minderheit eingreift, alles andere als eine Menschenrechts- Interventionsstreitmacht.
Die neue Nato ist der Wachschutz für die Reichen dieser Welt.
Jürgen Gottschlich
Der Aufstieg der neuen
Nato ist eine Geschichte verpaßter ChancenMit oder ohne UNO
diese Frage wurde in Washington längst entschieden
taz Nr. 5824 vom 30.4.1999 Seite 12
http://www.taz.de/tpl/1999/04/30
21.
April 1999 Jungle World
Krieger ohne Grund
Zu ihrem Jubiläum
hat sich die Nato nicht nur einen Krieg beschert, sondern auch einigen
Ärger für die Zukunft.
Von Gerhard Piper
Was macht ein Verteidigungsbündnis
ohne Angreifer? Ihre Hauptaufgabe, die Abwehr potentieller Gegner, durfte
die Nato in ihrer 50jährigen Geschichte nie erfüllen. Trotz aller
Feindbilder und Bedrohungsszenarien ist einfach kein Angreifer vorbeigekommen.
Nun endlich, als die Nato ihr Jubiläum feierte, bombardierten Nato-Luftstreitkräfte
im Rahmen der Kriegsoperation "Allied Force" den Rest des einstigen Jugoslawien.
Angriff ist die beste Verteidigung, lautet die passende Latrinenparole.
Doch wenn das Ziel des Einsatzes der Schutz der kosovo-albanischen Bevölkerung
war, dann hat die Nato mit ihrem militärischen Einsatz irgend etwas
falsch gemacht.
Offiziell ist die Nato ein multinationales Bündnis souveräner
Staaten, die alle Entscheidungen einstimmig treffen. Tatsächlich wird
sie aber von den USA beherrscht, die über den Großteil der konventionellen
und atomaren Streitkräfte verfügen und die Oberbefehlshaber stellen.
Daß die Nato ein "erfolgreiches" Militärbündnis wurde,
hat einen Grund. Sie ist die erste Allianz, die eine integrierte Struktur
entwickelte, ein gemeinsames Hauptquartier schuf und die nationalen Truppenteile
zu alliierten Armeegruppen und Luftflotten zusammenfaßte.
Dieser Integrationsprozeß brauchte Zeit und wurde von den USA dominiert,
wie man am Beispiel der Strategieentwicklung sehen kann. Am 19. Oktober
1949 verabschiedete das Nato Military Committee sein erstes Strategiepapier.
Das sieben Seiten lange Dokument "MC 3" besagte nur, daß die Nato
im Falle eines Angriffs so schnell wie möglich mit allen verfügbaren
Mitteln den Kampf aufnehmen werde. Es galt, den sowjetischen Einfluß
in Europa einzudämmen. Das sollte mit Hilfe der von den USA übernommenen
Politik des Roll Back geschehen.
Anfang der fünfziger Jahre sah man in Atomwaffen lediglich besonders
große und billige Sprengkörper. Um die US-amerikanische Überlegenheit
gegenüber der Sowjetunion zu gewährleisten, verabschiedeten die
USA 1954 die Strategie der "massiven Vergeltung". Im Falle eines Angriffs
sollte sofort und umfassend mit Atomwaffen zurückgeschossen werden.
Einsatz von Atomwaffen so früh wie nötig, lautete die Formel.
Diese Strategie übernahm die Nato am 22. November 1954 als "MC 48".
Wenige Jahre später wurde deutlich, daß die radioaktive Verstrahlung
durch die einsatzbereiten Nuklearwaffen im Kriegsfall so groß sein
würde, daß das Überleben der eigenen Bevölkerung gefährdet
wäre. Der damalige US-Verteidigungsminister Robert Strange McNamara
setzte daraufhin 1962 zahlreiche Veränderungen der US-Politik durch:
Die Zahl der strategischen Atomsprengkörper wurde ebenso wie die Sprengwirkung
verringert.
Ziele der eigenen Nuklearwaffen sollten nicht mehr die Städte, sondern
die Nuklearwaffen des Gegners sein, was entsprechend treffgenaue Raketen
erforderte und die Angst vor einem atomaren Erstschlag schürte. Atomwaffen
sollten zudem so spät wie möglich zum Einsatz kommen. "Flexible
Response" wurde dieses Konzept genannt, das die Nato erst am 16. Januar
1968 mit der Unterzeichnung des Dokuments "MC 14/3" übernahm. Diese
neue Strategie der Nato weckte aber Zweifel, ob die USA einen Atomkrieg
auf Europa begrenzen wollten.
Innerhalb der Nato verständigte man sich auf den sogenannten Ersteinsatz
von Atomwaffen, das heißt, das Bündnis wollte in einem Krieg
Nuklearwaffen auch dann abfeuern, wenn der Gegner nur konventionelle Waffen
einsetzte. Unter welchen Umständen dies erfolgen sollte, darauf konnten
sich die Nato-Staaten jedoch nie einigen. Die Nato stellte das als besonders
cleveren Zug dar. Was man selbst nicht wisse, das könne auch kein
Gegner ausspionieren. Die damaligen "General Defense Plans" sahen den Ersteinsatz
von Atomwaffen in der Regel für den fünften oder sechsten Kriegstag
vor.
Auf der politischen Ebene wurde die überkommene Strategie des Roll
Back Ende der sechziger Jahre durch die sogenannte Entspannungspolitik
abgelöst. Damit wollte man einen allmählichen Regimewandel in
den osteuropäischen Staaten erreichen - was in den Jahren 1989/90
erfolgte.
Über die Zukunft der Flexible Response-Strategie ist zehn Jahre nach
dem Ende des Kalten Krieges noch nicht entschieden. Auf die fundamentalen
sicherheitspolitischen Veränderungen in Europa reagierte die Nato
im November 1991 zunächst mit einer Veränderung ihrer politischen
Strategie. Bereits einen Monat später waren diese Überlegungen
überholt, als sich die Sowjetunion im Dezember 1991 selbst auflöste.
In den folgenden Jahren modifizierte die Nato gemäß den neuen
politischen Leitlinien ihre Militärstrategie. Das Bündnis hält
zwar einen großen Landkrieg in Europa für unwahrscheinlich:
Es will aber für diesen Fall am atomaren Ersteinsatz festhalten, obwohl
die Zahl der US-amerikanischen Atomwaffen in Europa mittlerweile von 7
500 auf 150 reduziert wurde. Einen Vorschlag des deutschen Außenministers
Joseph Fischer vom November 1998, diese Politik zu ändern, lehnten
die USA ab.
Am 24. April treffen sich nun die Regierungschefs der Nato-Staaten in Washington
zu einer Konferenz, die von Daimler-Chrysler und US-amerikanischen Rüstungsunternehmen
gesponsert wird. Dort soll ein neues politisches Strategiepapier verabschiedet
werden. Obwohl eine Policy Coordination Group seit Januar 1998 an den Formulierungen
arbeitet, konnten die mittlerweile 19 Mitgliedsstaaten bisher nicht in
allen Punkten eine Einigung erzielen.
Doch eine fundamentale Veränderung der Nato-Politik ist ohnehin nicht
zu erwarten. Dauerthema werden die Machtverhältnisse im Bündnis
sein. Seit dem Aufstand der Franzosen vor vierzig Jahren haben die Europäer
immer wieder ein stärkeres Gewicht im eigenen Bündnis gefordert,
während sie gleichzeitig auch eine Stärkung der transatlantischen
Beziehungen befürworten. Kein Wunder, daß sie bisher nur soviel
"Emanzipation" erreichen konnten, wie ihnen die USA zugestanden.
Seit dem Berliner Nato-Gipfel im Juni 1996 dürfen die Europäer
auch allein, ohne die USA, intervenieren. Dazu wurde mit dem Aufbau von
"Combined Joint Task Forces" begonnen, die aber weiterhin auf Satellitenaufklärung
und Lufttransport der US-Streitkräfte angewiesen sind. Statt mehr
Macht zu erlangen, sind die Europäer nur zahlreicher geworden. Am
12. März nahm das Bündnis Polen, Tschechien und Ungarn auf. Entgegen
den ursprünglichen Absichten werden aber auf dem Nato-Gipfel keine
weiteren Staaten zum Beitritt ins Bündnis aufgefordert, weil man Rußland
nicht noch mehr vergrätzen will. Die gespannten Beziehungen machten
"einen behutsamen Umgang mit dem Selbstwertgefühl dieser kontinentalen
Regionalmacht" erforderlich, wie der deutsche General Klaus Naumann vorsichtig
in der NZZ formulierte.
Da die Bündnisverteidigung als traditionelle "Kernfunktion" obsolet
ist, ist die Nato auch weiterhin auf der Suche nach ihrem Existenzgrund.
Auch ihre prinzipiell Zustimmung für Peace-Keeping-Missionen rechtfertigt
nicht die Beibehaltung von Streitkräften im gegenwärtigen Umfang.
Der Forderung der USA, die Nato zu einem globalen Interventionsinstrument
zu machen, verweigert sich die Mehrzahl der europäischen Nato-Staaten.
Eine solche Militärstrategie müßte durch entsprechende
Streitkräfteziele in die Praxis umgesetzt werden. Unter dem Marketing-Slogan
"Revolution in Military Affairs" haben die USA ihren Bündnispartnern
schon eine ganz neue Generation von Waffensystemen angepriesen, die noch
"intelligenter" sein sollen als die alten. Ziel ist das vollautomatisierte
Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts, auf dem keine Soldaten fallen, sondern
Roboter Roboter killen.
Zunächst sah es so aus, als würden die USA sich im Streit um
die Mandatierungsfrage durchsetzen. Doch als sie im vergangenen Dezember
ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates im Irak intervenierten, schlossen sich
ihnen nur die Briten an.
Als aber am 24. März die Nato Jugoslawien ebenfalls ohne UN-Mandat
angriff, waren daran immerhin 13 Nato-Staaten aktiv beteiligt. Doch nun
erscheint es so, als würde sich der Jugoslawienkrieg als Einzel- und
nicht als Präzedenzfall erweisen. Nach dem Fiasko der Nato-Luftangriffe
ist die Bereitschaft der Nato-Staaten zu weiteren "Abenteuern" zumindest
vorläufig gedämpft.
Auch wenn Nato-Generalsekretär Javier Solana kürzlich behauptete,
die Allianz habe "in jedem Augenblick ihrer Geschichte die richtige politische
und militärische Strategie entwickelt hat, um mit den anstehenden
Problemen fertig zu werden", könnte sich das bald ändern. Denn
nur durch einen in jeder Hinsicht kostspieligen Bodenkrieg kann die Allianz
eine militärisch-politische Niederlage noch abwenden. Dabei geht es
der Nato nicht um das Schicksal der Kosovo-Albaner, sondern darum, was
einmal in den Geschichtsbüchern darüber stehen wird, wer den
ersten Nato-Krieg gewonnen hat.
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