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Heft 11 November 1997
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von konkret
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* Rettet das Verbrechen!
»Der Tugend ist Genüge getan, jetzt kommen Liebhaberei und Kunstsinn an die Reihe.« Thomas de Quincey: Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet

Stefan Ripplinger

* Mit seiner fortgesetzten Arbeitslosigkeit hat sich Herr Pöbel das Recht erworben, auch einmal gehört zu werden. Ihn zu erfreuen und zu beruhigen, mühen sich bald SPD und DVU, bald CDU, »Focus« und »Taz«.

Arbeit wird es für ihn nicht mehr geben, aber damit dem Pöbel die arbeitslose Zeit auf seiner Wohnzimmer-Couch nicht zu lange wird, jagt die CDU jetzt Schwarzfahrer, die SPD steckt Perverse in die lebenslängliche »Sicherheitsverwahrung«, die Grünen fordern mehr freundliche »Wohnumfeldbeamte«, die Springer-Blätter starten neue Polizei-Serien (»Mehr Festnahmen, mehr Anzeigen, mehr Ordnung. Prima!«), »Spiegel« und »Focus« sind den Sozialschmarotzern auf der Spur, die der »Stern« auf ganzseitigen Porträt-Fotografien beim Abzocken des Sozi-Geldes zeigt. Und in der »Taz« fragt der Safwan-Eid-Verfolger Jan Feddersen, ob Gerhard Schröder, der »Kanzler in spe«, »nicht ein bis weit ins grüne Milieu hineinreichendes Unbehagen an der bundesdeutschen Wirklichkeit aufgreift«? ­ »Eine, zu der die >'Russen-Mafia' ebenso gehört wie Autoschieber aus Polen, Dealer aus Schwarzafrika« und natürlich »Sexualmörder«. »Raus, und zwar schnell!« (G. Schröder).

Natürlich hat sich keiner dieser deutschen Hilfspolizisten auch nur für einen Augenblick ausgemalt, wie unsere kleine Scheißwelt aussähe, wenn alle, die nicht ins rot-grüne Milieu passen, ­ »und zwar schnell« ­ hinausgeworfen werden. Wo kommen denn die Drogen her, wenn die Dealer in die unsicheren Herkunftsländer abgeschoben sind? Müssen wir demnächst unser Heroin selbst destillieren, wenn sogar der »kriminelle Nährboden« (Anzeige von Klaus Landowsky, CDU Berlin, »Tagesspiegel«, 27.8.) trockengelegt ist, der bislang Drogen genug für alle hervorgebracht hat? Und wem sollte es noch Erleichterung bringen, sich mit Alkohol zu betäuben und besoffen auf der Straße umherzutorkeln, wenn ihm an jeder Ecke ein Wohnumfeldbeamter auflauert?

Selbst das simple Vergnügen, sich in seiner verwahrlosten Bude Aldi-Bier hinter die Binde zu kippen, dürfte einem bald vermiest sein, wenn die CDU mit ihrem »Kampf gegen Verwahrlosung, Dreck und Schmierereien« (Landowsky) durchdringt. Keine »Form von Delikten wird geduldet, nichts wird mehr verharmlost« ­ das Ende der Harmlosigkeit. »Täter müssen sich bedrängt fühlen« ­ bald sind wir alle Täter, bedrängt fühle ich mich schon jetzt.

Und um wieviel trauriger noch wird sich unser Triebleben gestalten, wenn nicht nur »Sexualmord«, sondern vielleicht bald auch wieder das »Delikt der schweren Homosexualität« (Roman Herzog, 1969) geahndet wird. Dann darf sich Niklas Luhmann freuen, denn geräumige Gefängnisse werden gebaut. »Die Degenerierten sind das Salz der Erde«, hieß es noch bei Otto Gross, nun sollen sie Politik und Pöbel weichen. Vorbei wird es sein mit der vielgestaltigen Perversität, wenn erst Gerhard Schröder und Frau Doris die neue sexuelle Norm formulieren. Die stupide Wiederholung des Ewiggleichen wird dann heißen »Innovation«. Und die Erde wird sein wüst und leer, Finsternis wird liegen über der Urflut, und der Geist der Deutschen schwebt über den Wassern.

Wenn es auf der Welt endlich so trostlos aussieht wie in den Köpfen von Schröder, Landowsky und Feddersen, werden als die wenigen läßlichen Sünden, die ein gewaltiger Polizeiapparat und eine noch gewaltigere Bürgerwehr nicht unterbinden, nur noch Ausbeutung, Friedensmission und bürgerliches Feuilleton bleiben. Nicht jedem ist es gegeben, sich in diesen Fächern zu bewähren. Den einen fehlt es an Geschick, die anderen läßt man nicht mitmachen. Und der Rest sitzt dann ja im Knast: Schwarzfahrer wie Sie und ich.

Was waren es für Zeiten, als Fritz Haarmann, unterstützt von der Hannoveraner Polizei, umherirrenden jungen Menschen eine Heimstatt bot, wenn auch häufig nur für eine Nacht; das ist heute Schröders Reich. Damals, als Jack the Ripper die Milieutheorie widerlegte! In einer deutschen Großstadt erhielte er heute keine Gelegenheit, Proben seiner Kunst zu geben, nachdem weithin alles zum Sperr- und Sicherheitsbezirk erklärt wurde.

Da ich seit fünfzehn Jahren in einer neuerdings als »besonders gefährlich« geltenden Gegend wohne, darf ich ­ was mir sonst nicht liegt ­ auch einmal aus Erfahrung sprechen: Ich habe mehr Angst davor, in meiner Wohnung von einem Kontaktbereichspolizisten überfallen, als auf meinem Abendspaziergang von einem Strauchdieb angesprochen zu werden. Mit dem Verbrechen war es hier schon nicht weit her, bevor der einhellige Beschluß gefaßt wurde, es mit der Wurzel auszurotten.

Wenn aber dieser Beschluß endlich exekutiert und der Genius des Verbrechens vom Erdboden getilgt sein wird, werden die Hilfspolizisten dann Ruhe geben? Wenn Verbrechen und die ihm assoziierten Vergnügungen und Künste verbannt sind, werden sie dann von ihrer Hexenjagd ablassen? Indem ich dies schreibe, steckt mir der Hausmeister ein Schreiben des Vermieters in den Briefschlitz: »Sehr geehrte Mieter, uns liegt die Mitteilung des Bezirksschornsteinfegermeisters ... vor, daß ein Mieter des Hauses unberechtigterweise seinen Parabolspiegel am Mittelschornstein des Hauses ... angebracht hat. Der Schornsteinfegermeister fordert uns seitens der Verwaltung auf, dafür Sorge zu tragen, daß dieser Parabolspiegel entfernt wird. Wir fordern den Besitzer dieser Antenne auf, diese bis zum (Datum von vor vier Wochen) zu entfernen. Gleichzeitig setzen wir Ihnen eine Nachfrist bis zum (Datum von vor drei Wochen). Nach Ablauf dieser Frist sind wir verpflichtet, die Antenne durch eine Fachfirma entfernen zu lassen und dem Besitzer anschließend die Rechnung zur Begleichung zu übersenden. Vorsorglich machen wir darauf aufmerksam, sollten noch weitere Mieter unberechtigterweise ohne Genehmigung der Verwaltung Ihre Parabolspiegel usw. usw. Mit freundlichen Grüßen.«

Diese Parabolspiegel-Geschichte ist eine Parabel. Ein Mieter, der vielleicht fürchtete, abends auf der Straße aus reiner Gedankenlosigkeit einen Spaziergänger zu überfallen oder versehentlich den Mord zu begehen, den jeder begeht, oder gar schwarzzufahren, erlegte sich selbst Sicherheitsverwahrung auf und installierte ein Satellitenfernsehen. Kaum aber hat er es sich vor seinen 40 Programmen ein wenig bequem gemacht, hat er auch schon die ihm gesetzten Fristen zweimal überschritten und wird vom Schornsteinfeger abgeführt.

Es hilft also nichts, sich in seiner Wohnung abzuriegeln, den Spürhunden wird man nicht entgehen. Vielleicht sind wir längst straffällig geworden und haben ein Verbrechen begangen, von dem wir bisher gar nichts wußten. Ohne daß wir es ahnen, verstreicht auch die großzügig gewährte Nachfrist, und dann schnappt die Falle zu. Besser wäre es, wir wagten die Flucht nach vorn und ballerten ein wenig in die Menge. Aber gibt es noch ehrliche Hehler, die uns die nötigen Instrumente zu einem anständigen Preis überlassen?


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